Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Der jüdische Friedhof auf dem Pastoratsberg

Jüdischer Friedhof Werden im Apirl2008
Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört auch der jüdische Friedhof auf dem Weg zur “Alten Burg”.

Ich bin überzeugt, er war es, der im besonderen Maße mein Interesse am Leben der Juden in Deutschland geweckt hat.

Dieses Bild, welches mir von dem Heimatfotographen Wolfgang Pomierski freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, hat mich gedanklich wieder einmal auf einen Spaziergang geschickt.

Als ich noch kleiner war, fand oben auf dem Pastoratsberg, an der alten Burg in dem gleichnahmigen Lokal das Sommer- und Kinderfest der Werdener Spielleute statt. Unser Vater war ein sehr aktiver Spielmann und natürlich gingen wir Alle zu diesem Fest. Daher war mir als Kind der Pastoratsberg vertraut.

Später, als ich dann mit meinen Geschwistern die Gegend in und um Werden erkundete, sind wir natürlich auch in Richtung alte Burg gewandert. Schon allein wegen der Ruine dort oben.

Es gab verschiedene Wege, aber der Schönste war, den Klemensborn hoch, dann an der Kreuzung Kellerstraße-Ringstraße rechts den steilen Ringstraßenberg hoch, links die ummauerte Rundtreppe rauf und dann am “Ruhrblick” kurz Halt gemacht. Das war eine Terrasse mit einigen Tischen und Stühlen und einer Art Kiosk, an dem man Getränke und Süssigkeiten kaufen konnte.
Von der Terasse aus hatte man einen weiten Blick über das Ruhrtal, auf den Plattenwald und auf Werden. Ging man hinter dem “Ruhrblick” nach links, kam man zur Jugendherberge und wenn man sich rechts hielt, ging es in Richtung “Alte Burg”

Natürlich blieben wir nicht immer auf dem Weg, sondern erkundeten auch das, was rechts und links am Wege lag.
Besonders Interesse weckte da natürlich auch ein halb umgestürzter Zaun der nur noch teilweise erhalten war. Irgendwann haben wir uns durch das Unterholz dorthin getraut und entdeckt, dass dort lauter Grabsteine standen. Mitten im Wald!
Wir vermuteten, dass es sich hier um einen sehr, sehr alten vergessenen Friedhof handelt. Er musste sehr alt sein, hunderte von Jahren, denn die Schrift auf den Grabsteinen, soweit man sie erkennen konnte, war aus einer anderen Zeit. Wie hätten wir wissen sollen, dass es sich um hebräische Schriftzeichen handelt und dies ein jüdischer Friedhof ist?
Wir fühlten uns wie Pioniere, die eine wichtige Entdeckung gemacht hatten.
So gut wie auf diesem Bild aus dem Jahr 2008 konnte man vor ca 50 Jahren die einzelnen Grabstellen nicht erkennen.
Das Gelände war von Efeu und Brombeergestrüpp überwuchert und viele kleine Bäumchen und Gebüsche hatten sich dort ausgesät.
Die meisten Grabsteine waren umgestürzt, andere so verwittert oder vermoost, dass die Inschriften kaum erkennbar waren. Geheimnisvoll und ein wenig gruselig war es dort.

Ich kann leider nicht mehr sagen, wann und wie ich erfahren habe, dass dieser Friedhof gar nicht soo schrecklich alt ist und dort die Gräber jüdischer Bürger lagen, die ihren eigenen Friedhof hatten.

Aber wie das so ist mit den Dingen, um die ein Geheimnis gemacht wird. Man wird neugierig und macht sich selbst auf die Suche nach Wahrheiten.

Allerdings war es wohl typisch für diese Zeit, dass man auf Fragen, die in diese Richtung zielten keine, oder ausweichende Antworten erhielt.
Selbst unsere Geschichtslehrerin erzählte uns zwar unter Tränen von den Carepaketen der Amerikaner, aber nie etwas über Deportationen und Konzentrationslager.

Vom Volk der Juden hörte man allenfalls im Kindergottesdienst. Und da auch nur das, was in der Bibel geschrieben steht.

Vielleicht waren viele Erwachsene durch die Kriegsjahre und das Geschehen in der Hitlerzeit so traumatisiert, dass sie diese Greuel vor uns Kindern tabuisierten. Sie waren einfach noch zu nah dran.

“Unser” geheimnisvolles Grab

Vielleicht erinnern sich meine Geschwister noch an diese Zeit, oder wenn sie es lesen kommen die Erinnerungen zurück. ;-)

Wir wohnten schon in der Ludgerusstraße und besuchten auf unseren zahllosen Spaziergängen gelegentlich auch den Friedhof an der Kirchhofsallee. Der war nicht so groß wie der Bergfriedhof, hatte aber eine hübsche Friedhofskapelle und viele sehr schöne und gepflegte Gräber.

Aber natürlich gab es auch Andere. Vernachlässigte, ungepflegte, manche kaum noch erkennbar und meistens ohne einen Stein.

Wir waren immer voller Tatendrang und bei einem dieser Besuche kamen wir auf die Idee, dass wir ein gutes Werk vollbringen könnten, indem wir eines dieser Gräber in “Pflege” nehmen. Wir fanden schnell Eines, von dem wir dachten, es gibt niemanden mehr, der sich darum kümmert. Ein Einzelgrab, links von der Kapelle den Weg rein. Ich sehe es heute noch vor meinem inneren Auge.

Zunächst machten wir uns daran, das Grab von Unkraut und Gestrüpp zu säubern. Das war mächtig viel Arbeit und wir wurden am ersten Tag natürlich gar nicht fertig.  Vor Allem, wir hatten ja keine Geräte dabei. Aber nach einigen Besuchen hatten wir es unkrautfrei und es sah schon ein wenig besser aus. Es fehlten nur die Blumen.

Nun wir hatten zwar den Wunsch, etwas Gutes zu tun, aber natürlich durfte es kein Geld kosten, denn das hatten wir nicht. Also haben wir die Abfallbehälter auf dem Friedhof abgesucht. Man glaubt nicht, was für gute Pflanzen schon damals in den Müll geworfen wurden und wir hatten schnell eine recht passable Bepflanzung für unser Grab zusammen. Sogar brauchbare Blumensträuße fanden wir, oder zumindest waren darin immer noch ein oder zwei gute Blumen, die wir heraus suchten und zu einem Strauß zusammenstellten. Eine altes Glas dafür fanden wir auch irgendwo.

Nachdem “unser Grab” dann endlich wieder ansehlich war, gingen wir regelmäßig dorthin um es zu gießen und die Blumen zu wechseln. Und immer wieder fanden wir auch Material um unser Grab noch schöner zu gestalten. Wir wussten nicht, wer dort liegt. Aber in unserer Phantasie malten wir uns aus, dass es vielleicht ein Mädchen ist, das keine Eltern mehr hat oder ein Mensch, der niemanden zurück gelassen hat, der ihn so geliebt hat, dass man sich auch um das Grab kümmert.

Wir nahmen die selbstgewählte Verpflichtung sehr ernst und wenn ich mich zurück erinnere, hatten wir fast so etwas wie eine Beziehung zu dieser unbekannten Person, die dort lag. Einsam und von den Angehörigen scheinbar vergessen.

Aber das endete jäh und unvermutet.

Wir hatten vor Allerheiligen das Grab, so wie es üblich war, mit Tannenzweigen bedeckt und winterfertig gemacht. An Allerheiligen selbst gingen wir mit einem kleinen Teelicht in einem Kunststoffbecher, dass wir irgendwie organisiert hatten, zum Friedhof, um es auf unser Grab zu stellen.

Aber schon beim Näherkommen sahen wir, dass irgend etwas anders war als sonst.

Jemand hatte unser ganzes Grab umgestaltet. Unsere Tannenzweige waren fort, die Pflanzen gab es nicht mehr und auf dem Grab standen kleine Lämpchen, als gehöre es zu den vielen anderen Gräbern, die regelmäßig von Angehörigen besucht wurden.

Eigentlich hätte uns das freuen sollen, aber wir waren richtig enttäuscht und traurig. Es war, als habe man uns betrogen.

Wir haben das Licht auf ein anderes Grab gestellt, auf dem bisher noch keins stand und sind danach, soweit ich mich erinnere, nie wieder dorthin gegangen.

Meine Mutter konnte unseren Kummer nicht verstehen und schimpfte uns aus, dass wir lieber die Gräber unserer eigenen Angehörigen pflegen sollten, anstatt fremde Gräber.

Sie hat nicht verstanden, dass es uns doch darum ging, ein “eigenes Grab” zu haben, bei dessen Pflege uns niemand reinredete.

Natürlich besuchten wir doch auch die Familiengräber, aber das war für uns etwas völlig Anderes.

Mh….ich schreibe immer von “uns” . Vielleicht sollte ich eher von mir schreiben? Aber das fällt mir schwer, obwohl ich doch gar nicht mit letzter Sicherheit sagen kann, ob meinen Geschwistern diese tollen Ideen wirklich gefallen haben, ob sie auch so empfunden haben wie ich, oder ob sie es mitmachten, weil ich die Älteste war.  :-(

 

 

…noch einmal Kalk mit unangenehmen Folgen

Es muss im Sommer 1958  gewesen sein, denn meine kleine Schwester saß im Kinderwagen.

Und so fing es an…

Irgendwann bei einem Spaziergang entlang der Ruhr Richtung Stauwehr kamen wir an einem Lokal vorbei, das etwas höher lag und mit einer Mauer zum Leinpfad abgegrenzt war.

Was mir an dieser Mauer als Kind so besonders gut gefiel, war, dass sie mit Wellen und Fischen bemalt war. Auf weißem Grund blaue Wellen und richtig schöne blaue Fische. Toll, diese Mauer war doch echt was Besonderes fand ich.

Der Sommer 1958 war in meiner Erinnerung ein sehr warmer Sommer und alle Kinder der Nachbarschaft waren im Freibad oder an der Ruhr. Ich durfte nicht mit, weil ich ja auf meine Geschwister aufpassen sollte und die waren einfach zu klein.

Also zog ich  alleine mit dem Kinderwagen meiner Schwester und meinem kleinen Bruder an der Hand meine Kreise auf dem Schulhof. Das war der einzige Ort an dem meine Eltern uns gut aufgehoben fanden. Der war ja gleich die Gasse runter auf der anderen Straßenseite, in Rufweite also.

Auf dem Schulhof gab es eine überdachte Pausenhalle in der auch die Toiletten für die Jungen und die Mädchen untergebracht waren. Grau angestrichen und mit großen Flächen, die bestimmt schöner aussehen würden, wenn sie, so, wie die Mauer an der Ruhr, etwas fürs Auge bieten würden.

Ich hatte schon seit Tagen diese Mauer an der Ruhr vor Augen und die Idee, so etwas Tolles sollte es öfter geben.

Die Schule wurde renoviert und wie damals üblich, stand auch wieder eine Kalkwanne draussen. Und mit den harten Kalkstücken hatten wir Kinder schon einige Male hervorragend Hinkekästchen und andere Kunstwerke auf den Asphalt gemalt.

An diesem Nachmittag schien meine Zeit gekommen.

Ich suchte mir ein paar Brocken Kalk und natürlich bekam auch mein kleiner Bruder sein Stück. Meine kleine Schwester saß im Kinderwagen und durfte zusehen.

Dann ging es los….

Erst einmal malte ich eine durchgehende Wellenlinie auf die Stirnwand. Darunter dann einige kleine Wellenlinien und dazwischen die Fische. Mein Bruder malte unten, ich weiter oben. Aber es dauerte doch länger als ich dachte, ehe wir die Wand  einigermaßen voll hatten.

Damit wir noch was geschafft kriegten, malte ich ganz schnell noch eine lange Welle und viele kleine auf die Längswand und versuchte, in der Kürze der noch verbleibenden Zeit die restliche Pausenhalle wenigstens einigermaßen der gut gelungenen Stirnseite anzupassen. Es wäre auch fast geglückt, wenn der Hausmeister nicht plötzlich nach Hause gekommen wäre und laut über den Schulhof rief, was ich denn da mache???

Der fand unser Kunstwerk überraschender Weise  überhaupt nicht schön und schimpfte uns furchtbar aus. Dann ging er mit uns nach Hause um meine Eltern zu informieren. Leider fanden die das auch nicht schön, im Gegenteil. Es gab mal wieder eine Wucht auf den Hintern und Hausarrest.

Glücklicherweise, oder vielleicht auch dummerweise, wurde der aber aufgehoben, weil der Hausmeister anordnete, dass die Wände abgescheuert werden müssen.

Das war das Schlimmste, an das ich mich zurück erinnere. Denn dazu mussten alle Kinder der Nachbarschaft, die sonst auch auf dem Schulhof spielten, antreten. Jeder mit einem Eimer Wasser und einer Bürste bewaffnet.

Ich glaube, ich war das meistgehasste Kind in Werden. Alle waren stinkesauer auf mich und dass sie mich nicht verdroschen haben war Alles.

Immerhin waren sie ja nicht einmal dabei gewesen. Und nun sollten sie wegen meiner den ganzen Tag diese Wand scheuern.

Für mich war das noch schlimmer, als die Tracht Prügel vom Abend vorher.

Zu allem Überfluß  ging die Malerei nicht weg.

Wir haben den ganzen Tag gescheuert. Bis irgendwann auch der Hausmeister einsah, dass es nichts nutzt, weil dieser Kalk einfach zu gut war. Die Malerei war zwar etwas verblasst, aber immer noch gut sichtbar.

Noch Jahre später, als ich selber schon lange nicht mehr dort wohnte und auch nicht mehr zur Heckerschule ging, schwammen unsere Fische noch schemenhaft auf der Pausenhalle.
;-)

Baisereier

Als Kind schon liebte ich sie und sie waren das Leckerste überhaupt in der Osterzeit.

Baisereier.

Sie waren größer als die, die es heute zu kaufen gibt und sie kosteten 5 Pfennig das Stück.

Natürlich gab es die im Laden von Fräulein Ophoff.

Wenn ich für sie das Mittagessen von ihrer Wohnung holte, wo Frau Bönneken ja den Haushalt führte, bekam ich sehr häufig als Dankeschön etwas Leckeres aus ihrem Sortiment. Nicht jedes Mal, aber wenn, dann immer auch für Heinz und Susanne.

Das ging nicht anders, denn ich weiß, wenn ich von jemanden etwas bekam zögerte ich immer und sagte dann “….und Heinz und Susanne???”

Natürlich nicht bei Fräulein Ophoff, denn für sie war es eine Selbstverständlichkeit auch an meine Geschwister zu denken.

Teilen war bei uns eine Selbstverständlichkeit.

Aber eines Tages ging es mit mir durch. Ich hatte wieder einmal das Mittagessen geholt und bekam dafür von Fräulein Ophoff eine sehr hübsche runde Blechdose, die gerade leer geworden war.  Und DREI Baisereier.

Und was habe ich getan?

Ich ging in die Gasse und stellte mich in den Seiteneingang des Hauses, gleich schräg gegenüber unserer Haustür und habe alle drei Eier heruntergeschlungen.  In dem Augenblick mögen sie mir geschmeckt haben, aber ich hatte danach natürlich ein richtig schlechtes Gewissen. Und ich konnte es niemandem erzählen…

Meiner Mutter habe ich die leere Dose gezeigt und gesagt, dass ich die fürs Essen holen bekommen habe.

Ich glaube, es ist nicht rausgekommen, dass ich so gierig war und ausserdem auch noch gelogen hatte.

Aber die Angst dass es rauskommt und das schlechte Gewissen gegenüber meinen Geschwistern hat mich lange nicht losgelassen und mich im späteren Leben vor ähnlichen Schandtaten bewahrt.

Später habe ich mich damit getröstet, dass sie mir sicher auch nicht immer etwas abgegeben haben. Aber das ist eben nur ein schwacher Trost.
:-(

Haus Heck und Frau Wiese

Haus Heck

http://www.zeitspurensuche.de/05/05esswe1.htm

Auf der Suche nach einigen verwendbaren Bildern für diesen Blog, fand ich diese schöne Aufnahme von Haus Heck.

Auch mit diesem Haus verbinde ich Erinnerungen und ich freue mich, dass ich dieses Bild verwenden darf.

Als ich noch ganz klein war, faszinierte mich dieses Gebäude schon. Es hatte etwas geheimnisvolles an sich. Rapunzel, Dornröschen, alle hätten dort leben können.

Als ich in das Alter kam, dass ich mit meinen Geschwistern spazieren gehen durfte, blieben wir sehr oft vor diesem Haus stehen.

Aber nicht, weil wir glaubten, eine verwunschene Prinzessin sähe aus einem der Turmfenster auf uns herab, nein, es gab etwas Anderes, für uns Kinder viel Interessanteres dort.

Hinter den unteren Turmfenstern saßen fast immer einige  Katzen Eine war besonders häufig zu sehen. ein dicker roter Kater. Aber es saßen eben auch andere Katzen dort um nach draußen zu sehen und wir konnten nur erahnen, wie viele es wohl sein mögen.

Nur wenn die alte Frau, die in diesem Turmzimmer lebte,  am Fenster erschien, waren wir nicht ganz sicher, ob es nicht doch ein Märchenturm ist, in dem die Hexe ihr unendliches Leben fristet.

Manchmal sahen wir sie auch wenn sie zum Einkaufen ging. Wir hielten uns immer in respektvoller Entfernung, denn man kann ja nie wissen.

Irgendwann legte sich diese Angst aber. Das lag wohl auch daran, dass sie gelegentlich bei Fräulein Ophoff einkaufen kam. Und irgendwann wurde ich einmal gebeten, ihr doch zu helfen, die Einkäufe nach Hause zu tragen.

Dabei erfuhr ich dann auch ihren Namen. Sie hieß Frau Wiese.

Frau Wiese war, jedenfalls in meinen Augen, eine sehr große Frau. Sie hatte ihr Haar zu einem Nackenknoten gebunden und trug meist einen Umhang, der über  und über voller Katzenhaare war.

Ich weiß nicht, ob sie wirklich arm war, aber ich habe sie immer für eine sehr arme Frau gehalten.

Was sie aber nicht war, sie war gar keine böse Frau, so wie wir anfänglich dachten. Im Gegenteil, sie lebte zwar sehr zurückgezogen aber als wir wieder einmal vor ihrem Turm standen, um die Katzen zu bestaunen, lud sie uns sogar zu sich herein.

Etwas mulmig war mir dabei schon. Zum Einen, weil es ein wenig unheimlich erschien, dort rein zu gehen, zum Anderen  weil ich ja eigentlich nicht zu anderen Leuten in die Wohnung gehen durfte.

Wir kamen in einen dusteren Hausflur und links gingen ein paar Stufen in ihren Turm. Sie bewohnte scheinbar nur dieses eine Zimmer. Gemeinsam mit  fünf oder sechs Katzen, die alle wohlgenährt und faul irgendwo lagen. Auf ihrem Bett, auf dem Stuhl und natürlich auch auf der Fensterbank.

Ach ja, und überall standen Schälchen mit Katzenfutter.

Das Schönste war, dass wir die Katzen auch streicheln durften und die eine oder andere Katze kam gerne und ließ sich bei uns nieder.

Irgendwie übte ihre “Wohnung” eine besondere Faszination auf mich aus. Es roch irgendwie merkwürdig, aber es gab auch Dinge, die darauf schließen ließen, dass sie einmal andere Zeiten erlebt hat. Die wenigen Möbel waren alt, aber irgendwie besonders, es gab schönen Nippes und den Kakao, den sie uns bereitete gab es in sehr schönen Tassen.

Was ich mich frage ist, wo hatte sie nur ihre Toilette? Sicher draußen, im Flur oder im Hof?

Wir sind später häufiger und gerne bei ihr gewesen, aber irgendwann war sie nicht mehr da. Ich kann mich nur leider nicht erinnern, ob wir uns aus den Augen verloren, weil wir von der Heckstraße  zur Ludgerusstraße gezogen sind, oder aus welchem anderen Grund die Erinnerungen abreißen.

Die Kalkwanne

Hier lässt mich mein Zeitgefühl ein wenig im Stich aber diese Begebenheit müsste in den Sommer 1958 fallen.

Am Nachbarhaus bzw das Haus das hinter unserem stand und zur  Brehmstrasse gehörte sollte neu gekälkt werden. Hesterkamp wohnten dort.

Es muss  ein sehr heißer Sommer gewesen sein und ich durfte mit meinen Geschwistern nach draussen.

Alle Kinder der Nachbarschaft waren zum Schwimmen im Freibad, so, dass wir also mutterseelenalleine auf dem Schulhof waren. Irgendwann machten wir uns auf den Weg nach Hause. Aber es war noch früh, und wir kamen an dieser Kalkwanne vorbei, die gleich neben dem Hesterkamphaus in der Gasse zu unserer Haustür stand.

Die Arbeiter hatten bereits Feierabend und  die Straße war  menschenleer. So hat uns natürlich auch niemand davon abhalten können diese Kalkwanne mal etwas genauer zu inspizieren. Obendrauf war eine dicke harte Schicht, denn die Hitze trocknete das Zeug natürlich aus. Die Brocken, die man rausschlagen konnte, eigneten sich wunderbar um auf der Straße malen.

Wie es kam und warum, ich kann es heute nicht mehr sagen. Auf jeden Fall  stand mein Bruder auf einmal auf der harten Kalkschicht. Irgend etwas hatte sein Interesse geweckt. Ich sagte, er soll schnell wieder runter kommen, weil er einbrechen kann aber ich hatte es kaum gesagt, da knackte er ein. Mit beiden Füßen stand er nun in der Kalkpampe und kam aus eigener Kraft nicht wieder raus. Mir blieb nichts anderes übrig, als auch darauf zu treten um ihm heraus zu helfen.

Tja und was soll ich sagen, natürlich knackte ich auch ein. Wir schafften es zwar Beide aus dieser Wanne raus, aber unsere Schuhe waren natürlich triefend voll von dem Kalkzeug.

Ich weiss, ich hatte einen Heidenangst, nach Hause zu gehen, aber es blieb ja nichts anderes übrig. Natürlich war ich schuld, ich sollte ja auf die Kleinen aufpassen.

Das Schlimmste  und was  ich noch nicht einschätzen konnte war, dass unsere Schuhe vollkommen unbrauchbar waren, denn der Kalk war ätzend und die schönen roten Sandalen die mein Bruder an hatte waren völlig hinüber.

Zu der Zeit war das eine Riesenkatastrophe. Wie sollte meine Mutter an neue Schuhe kommen, wo doch jeder Pfennig dreimal umgedreht werden musste?

Dementsprechend gabs natürlich eine ordentliche Tracht Prügel und ohne Essen ab ins Bett.

Irgendwie fand ich es ungerecht, denn dafür, dass ich den Kleinen aus dieser Wanne gerettet habe, hätte ich mir doch eigentlich ein Lob verdient …

Aber so ist das eben, wenn man die Älteste ist.

Natürlich machten wir, nachdem der Hausarrest vorbei war, einen großen Bogen um dieses Ding…
;-)

Tante Ophoff

Tante Ophoff

Alle Kinder in unserer Nachbarschaft liebten sie.

Sie war einfach eine sehr besondere Persönlichkeit.

Sie war eigentlich Fräulein Ophoff und  lebte mit ihrer Mutter, Frau Ophoff  in der Brehmstrasse, gleich hinter der Heckerschule.

Aber der besondere Kontakt entstand, weil sie im Nachbarhaus einen Süssigkeitenladen hatte. Kein Büdchen oder so, nein ein richtiges Geschäft, mit den herrlichsten Pralinen, Schololaden und natürlich auch Bonbons.

Sie hatte hinter der Verglasung der Theke einige Reihen viereckiger Behälter und in jedem war etwas Anderes. Gummibärchen, kleine Salinos, bunte Lakritzstifte und  weiter ging es mit Prickel Pit, Brockenbrause, Tütchenbrause, Colalutscher, Lakritzschnecken verschiedene Sorten Kaugummi und oben auf der Theke einen Teller mit Negerküssen.

Und immer gab es einige besondere Sachen, die nicht zum Dauersortiment gehörten, köstliche Lutscher, die mit Schokolade bezogen waren und darunter eine weisse leckere Masse mit kleinen Salmiakpastillen. Oder, runde Kugeln, auch mit einem Schokoladenüberzug und einem weissen Kern, der herrlich süss war. Heute finde ich die nirgendwo mehr. Dann gab es gelegentlich Muscheln, die man auslecken musste und Weingummibonbons.

Jede Woche bekamen wir Kinder am Freitag Abend eine “Wochenendtüte” von unserer Mutter. Für jeden von uns das gleiche. Und egal, wie knapp das Geld war, unsere Tüte war immer eine sichere Sache. Wenn einer von uns Geburtstag hatte war es eine besonders Große.

Ich glaube, damit hat meine Mutter damals (vielleicht sogar unbewusst) erreicht, dass wir nie nach was Süßem gebettelt haben, Wir wussten, am Freitag gibts die Tüte und damit war es gut.

Ausserdem steckte Tante Ophoff uns immer etwas zu.Sie hatte meine Geschwister und auch mich (oder besonders mich?)  ins Herz geschlossen.

Mittags ging ich oft zu ihrer Wohnung und holte ihr Mittagessen ab. Dafür gab es sehr häufig etwas Süsses. Und ich bekam es nicht nur für mich, immer auch für meine Geschwister.

Wenn ich aus dem Kindergarten oder später aus der Schule kam und meine Mutter war nicht zu Hause, war Tante Ophoff meine Anlaufstelle. Ich durfte dann in ihrem Hinterzimmer auf dem Sofa sitzen und malen oder in ihren Zeitschriften blättern. Merkwürdigerweise war es nie langweilig bei ihr.

In diesem Laden gab es auch die schönsten Bonbonieren die man sich denken konnte. Die habe ich mir immer besonders sehnsüchtig angeschaut. Wenn  Kinder ihrer Kunden Kommunion oder Konfirmation hatten, bekamen die eine dieser Packungen, je nach dem wie gute Kunden die Eltern im Laufe des Jahres waren.

ich durfte dann an dem betreffenden Tag mit diesen schön verpackten Pralinen von einem Kommunionkind zum Nächsten gehen. Das war eine meiner liebsten Aufgaben, die sie mir anvertraute. Zum Einen konnte ich mir die schön gekleideteten Festagskinder aus der Nähe ansehen, zum Anderen gab es auch immer eine Kleinigkeit für den “Boten”

Zu Tante Ophoff gehörte auch Fräulein Batz, die ihre Freundin war und Frau Bönneken, eine Seele von Mensch, die tagsüber  Frau Ophoff  betreute, den Haushalt erledigte und das Essen kochte.

Soweit erst einmal…Später mehr

Gedanken

In den letzten Wochen habe ich mir sehr häufig die unterschiedlichsten Erinnerungen vor Augen geführt.

Dabei kam mir der Gedanke

Was sind Erinnerungen?

Erinnerungen können wunderschön sein, sie können dich lächeln lassen.

Aber sie können dich auch zurückführen in schwierige oder traurige Zeiten, die ja zu jedem Leben leider auch gehören.

Meine Erinnerungen an ein bestimmtes Ereignis können völlig verschieden sein, zu denen der anderen Menschen, die mit mir das Gleiche erlebten.

Und wie oft ist es schon passiert, dass ich mit meinen Geschwistern, meinen Kindern oder auch mit anderen nahe stehenden Menschen über ein Jahre zurückliegendes Ereignis sprach und wir feststellten, dass unsere Erinnerungen völlig unterschiedlich sind.

Jeder hat seine eigene Wahrnehmung und wenn ich mich an Begebenheiten erinnere, kann ich darum nicht ausschließen, dass eine andere Person ein völlig anderes Bild vor Augen hat.

Viele Erinnerungen sind auch unvollständig. Aber ich hoffe, während ich sie mir für diesen Blog wieder bewußt mache, bekommen sie Kontur und werden wieder zu einem Ganzen.

Und hier noch ein Zitat aus GEO WISSEN

Die Erinnerungen an die Lebensgeschichte prägen die Persönlichkeit, formen die Identität. Doch nicht etwa die objektiven Lebensdaten spielen dabei die Hauptrolle, sondern Gefühle. Sie sind es, die filtern, was im Langzeitspeicher landet und was gelöscht wird. “Gefühle”, sagt Markowitsch, “sind die Wächter unserer Erinnerung.”