Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

…noch einmal Kalk mit unangenehmen Folgen

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Es muss im Sommer 1958  gewesen sein, denn meine kleine Schwester saß im Kinderwagen.

Und so fing es an…

Irgendwann bei einem Spaziergang entlang der Ruhr Richtung Stauwehr kamen wir an einem Lokal vorbei, das etwas höher lag und mit einer Mauer zum Leinpfad abgegrenzt war.

Was mir an dieser Mauer als Kind so besonders gut gefiel, war, dass sie mit Wellen und Fischen bemalt war. Auf weißem Grund blaue Wellen und richtig schöne blaue Fische. Toll, diese Mauer war doch echt was Besonderes fand ich.

Der Sommer 1958 war in meiner Erinnerung ein sehr warmer Sommer und alle Kinder der Nachbarschaft waren im Freibad oder an der Ruhr. Ich durfte nicht mit, weil ich ja auf meine Geschwister aufpassen sollte und die waren einfach zu klein.

Also zog ich  alleine mit dem Kinderwagen meiner Schwester und meinem kleinen Bruder an der Hand meine Kreise auf dem Schulhof. Das war der einzige Ort an dem meine Eltern uns gut aufgehoben fanden. Der war ja gleich die Gasse runter auf der anderen Straßenseite, in Rufweite also.

Auf dem Schulhof gab es eine überdachte Pausenhalle in der auch die Toiletten für die Jungen und die Mädchen untergebracht waren. Grau angestrichen und mit großen Flächen, die bestimmt schöner aussehen würden, wenn sie, so, wie die Mauer an der Ruhr, etwas fürs Auge bieten würden.

Ich hatte schon seit Tagen diese Mauer an der Ruhr vor Augen und die Idee, so etwas Tolles sollte es öfter geben.

Die Schule wurde renoviert und wie damals üblich, stand auch wieder eine Kalkwanne draussen. Und mit den harten Kalkstücken hatten wir Kinder schon einige Male hervorragend Hinkekästchen und andere Kunstwerke auf den Asphalt gemalt.

An diesem Nachmittag schien meine Zeit gekommen.

Ich suchte mir ein paar Brocken Kalk und natürlich bekam auch mein kleiner Bruder sein Stück. Meine kleine Schwester saß im Kinderwagen und durfte zusehen.

Dann ging es los….

[tab:Kunstwerk]

Erst einmal malte ich eine durchgehende Wellenlinie auf die Stirnwand. Darunter dann einige kleine Wellenlinien und dazwischen die Fische. Mein Bruder malte unten, ich weiter oben. Aber es dauerte doch länger als ich dachte, ehe wir die Wand  einigermaßen voll hatten.

Damit wir noch was geschafft kriegten, malte ich ganz schnell noch eine lange Welle und viele kleine auf die Längswand und versuchte, in der Kürze der noch verbleibenden Zeit die restliche Pausenhalle wenigstens einigermaßen der gut gelungenen Stirnseite anzupassen. Es wäre auch fast geglückt, wenn der Hausmeister nicht plötzlich nach Hause gekommen wäre und laut über den Schulhof rief, was ich denn da mache???

Der fand unser Kunstwerk überraschender Weise  überhaupt nicht schön und schimpfte uns furchtbar aus. Dann ging er mit uns nach Hause um meine Eltern zu informieren. Leider fanden die das auch nicht schön, im Gegenteil. Es gab mal wieder eine Wucht auf den Hintern und Hausarrest.

Glücklicherweise, oder vielleicht auch dummerweise, wurde der aber aufgehoben, weil der Hausmeister anordnete, dass die Wände abgescheuert werden müssen.

Das war das Schlimmste, an das ich mich zurück erinnere. Denn dazu mussten alle Kinder der Nachbarschaft, die sonst auch auf dem Schulhof spielten, antreten. Jeder mit einem Eimer Wasser und einer Bürste bewaffnet.

Ich glaube, ich war das meistgehasste Kind in Werden. Alle waren stinkesauer auf mich und dass sie mich nicht verdroschen haben war Alles.

Immerhin waren sie ja nicht einmal dabei gewesen. Und nun sollten sie wegen meiner den ganzen Tag diese Wand scheuern.

Für mich war das noch schlimmer, als die Tracht Prügel vom Abend vorher.

Zu allem Überfluß  ging die Malerei nicht weg.

Wir haben den ganzen Tag gescheuert. Bis irgendwann auch der Hausmeister einsah, dass es nichts nutzt, weil dieser Kalk einfach zu gut war. Die Malerei war zwar etwas verblasst, aber immer noch gut sichtbar.

Noch Jahre später, als ich selber schon lange nicht mehr dort wohnte und auch nicht mehr zur Heckerschule ging, schwammen unsere Fische noch schemenhaft auf der Pausenhalle.

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