Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Matthes Schmitz

[tab:Klüngelskerl]

Beim Sichten der vielen Bilder, die mir teilweise von ganz lieben Menschen zur Verfügung gestellt wurden, entdeckte ich zu meiner großen Freude diese Aufnahme aus der Haus Fuhr.

brehminsel-24 Sie zeigt  vorne links das Eckhaus zur Eiergasse. Es war eines der ersten Häuser in der Haus Fuhr, Ecke Eiergasse, dass Anfang der 60er Jahre abgerissen wurde.

Dort wohnte in den 50er Jahren Matthes Schmitz mit seiner Frau und seinem Pferd. Matthes Schmitz war der Werdener Klüngelskerl.

Heute würde man Rohproduktenhändler sagen. Er zog auf seinem Pferdewagen durch die Werdener Straßen und wenn seine Gattin nicht mit ihm auf dem Kutschbock saß, lief sie neben dem Wagen, um die Gegenstände, die gegen ein paar Pfennig von den Hausfrauen abgegeben wurden, entgegen zu nehmen.

Damit man ihn kommen hörte, spielte er auf einer Flöte lustige Melodien. Die kamen nicht, wie bei den Schrotthändlern, die man heute gelegentlich noch sieht, von einem Band, nein, er spielte sie selbst.

Es gab noch einen anderen Klüngelskerl, der mit einem dreirädrigen Auto herumfuhr, aber am Klang der Melodien wusste man sofort, wer da heute unterwegs ist.

Es wurde so gut wie Alles angenommen. Alte Kleider, leere Konservendosen, (selbst die kleinen Bärenmarke-Kondensmilchdosen waren etwas wert, wenn man mehrere hatte) alte Wasserleitungen, alte Öfen,gebündelte Zeitungen, einfach alles was man sich  vorstellen kann.

Die Sammlung wurde dann am Abend sortiert. Direkt am Wohnhaus, mit Eingang von der Eiergasse, war die Tenne. Dort wurde der Wagen abgestellt und alles was den Tag über gesammelt wurde, sortierten die Beiden für den Weiterverkauf an die Großhändler. Diese Sachen lagerten dort so lange, bis genügend von einer Sorte Klüngel zum Transport  zusammen war.

[tab:Attila]

Rechts von der Tenne war der Stall für das Pferd.

Den Namen des Pferdes hat mir kürzlich ein heimatverbundener Werdener verraten, denn an den konnte ich mich nicht mehr erinnern. Es hieß Attila und war sogar ein Vollblutpferd.

Eben jeder nette Werdener erzählte mir auch, was ich bisher nicht wußte: Als Matthes Schmitz seinen Beruf aufgab, musste er leider auch sein Pferd Attila verkaufen. Und da es ja kein Ackergaul, sondern ein edleres Tier war, fand sich schnell ein Käufer.  Ein Pferdehändler.

Bestimmt haben die Eheleute sich nur schweren Herzens von ihm getrennt. Sie konnten nicht ahnen, dass Attila mit dem Pferdehändler nur bis auf die Ruhrbrücke kam. Dort hat er den Weg in den Pferdehimmel eingeschlagen.

Ich denke, für Matthes Schmitz und seine Frau war es, als habe das gute Pferd ihnen zur Liebe durchgehalten, bis es von dem Händler abgeholt wurde. Und bei Pferdehändlern gilt ja “gekauft wie besehen”

Durch diese Erzählung weiß ich doch jetzt wenigstens, was aus dem guten Pferd wurde. Denn als ich im Kindergartenalter war, war ich sehr häufig im Haus von Matthes Schmitz und habe mit seiner Frau am Küchentisch die Lumpen nach brauchbaren Teilen durchgesehen.

[tab:Schätze]

Die Räume waren klein, niedrig und ein wenig windschief.  Richtig hell war es bei ihnen auch nicht, denn die Fenster waren nicht groß und auf der gegenüberliegenden Seite stand die hohe Mauer die den höher gelegenen Gemeindehausgarten von der Haus Fuhr trennte.

Das, was aber diesen Raum so gemütlich machte war die Öffnung zum Pferdestall. So, wie ein größeres Fenster. Dadurch schaute Attila mit seinem großen Kopf in die Stube und nahm am Familienleben teil. Gelegentlich ließ er ein wohlgefälliges Schnauben hören und stubste mich an, damit ich ihn streicheln soll. Denn natürlich musste ich meinen Platz immer direkt an der Öffnung haben.

Ehe ich sie etwas besser kannte, hatte ich ein wenig Angst vor Frau Schmitz. Sie war schon älter, hatte schwarze krause Haare die immer ein wenig unbändig schienen und merkwürdig zusammengestellte Sachen an. Auch ihre Bewegungen erschienen immer etwas hektisch.

Bis heute vermute ich, sie und ihr Mann, an den ich mich nicht mehr so deutlich erinnere, waren Zigeuner. Sie hatten eine merkwürdige, harte Aussprache, nicht so, wie die Leute, die als Flüchtlinge in Werden lebten, sondern mehr rollend.

Die anfängliche Beklommenheit hat sich später gelegt und ich freute mich, wenn ich am Nachmittag, wenn um 16.00 der Kindergarten aus war, zu Matthes Schmitz gehen sollte.

Kam ich von ihnen nach Hause, hatte ich immer ein paar Schätze dabei. Ich erinnere mich da noch an  die Margarinefiguren, die oft zwischen den gesammelten Dingen auftauchten und mit denen man wunderbar spielen konnte.

Manchmal fanden wir auch einen besonders schönen Stoffrest, in Tüll, Spitze oder Lame’. Obwohl ich ja im Kindergartenalter war und gar nicht nähen konnte, malte ich mir aus, dass ich meiner Puppe daraus etwas fertigen könnte und durfte es mit nach Hause nehmen.

Aber meine Mutter ließ die jedesmal schnell verschwinden, weil sie solche Sachen ekelig fand. Später konnte ich es verstehen, aber damals führte das oft zu Tränen.

Wie dieser Kontakt zu Matthes Schmitz und seiner Frau zustande kam, kann ich nicht sagen. Leider schlief er auch später, als ich zur Schule ging, ein. In der Hoffnung, sie erinnert sich noch an diese Zeit, habe ich kürzlich meine Mutter gefragt, in welcher Verbindung wir zu Ihnen standen.Sie sagte mir : “Die kannte ich eben, aber ich weiß nicht mehr, woher”

Gut, dass auch ich sie gekannt habe.

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  • Klaus sagt:

    ja, das weckt Erinnerungen, in der Kurpfalz nannte diese Zunft Lumbesommla, also Lumpensammler, obwohl auch er alles annahm, was ihm verwertbar schien. Das waren immer sehr kommunikative Kerle. Heute haben wir stattdessen Recyclinghöfe mit motzigen Angestellten. Der Fortschritt lässt sich nicht bremsen…

  • renate sagt:

    Wir wohnten direkt um die Ecke von der Eiergasse, also ganz nah beim Klüngelskerl und seinem damaligen Pferd Hasso. Nach Hasso kam Else und Attila war dann wohl sein letztes Pferd.

    In meiner Schulzeit besuchte ich Hasso regelmäßig und fütterte ihn mit Kartoffelschalen, die er leidenschaftlich gern fraß, und die in einem 5-Personen-Kartoffel-Esser-Haushalt in großer Menge anfielen.
    Auch die abgeschnittenen Brotkrusten, die mein Großonkel nach seinen Aussagen “nicht mehr beißen” konnte, wanderten zu Hasso und später zu Else. Und alle waren glücklich: Pferd, Renate und der Klüngelskerl für den Beitrag zum Futter.

  • Britta sagt:

    Stimmt Renate, ihr wohntet ja damals gleich am anderen Ende der Eiergasse auf der Heckstraße. War das nicht das Haus, in dem der Kruppsche Konsum war?
    Ich freue mich, dass auch du Matthes Schmitz noch in Erinnerung hast.

  • renate sagt:

    Ja, wir wohnten über dem Konsum in einer typischen Altbauwohnung mit riesig hohen Räumen und wunderschönen
    Stuckdecken. Der alte Kohleofen hatte ordentlich was zu tun, um die hohen Räume warm zu kriegen.
    Die Wohnung von Matthes Schmitz war im Vergleich absolut winzig und durch die Verbindung zum Stall ein bißchen dörflich.
    Beide Wohnungen waren auf ihre Art typisch für die 50er.

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