Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Unser geheimnisvolles Grab

[tab:Pflege]

Vielleicht erinnern sich meine Geschwister noch an diese Zeit, oder wenn sie es lesen kommen die Erinnerungen zurück. ;-)

Wir wohnten schon in der Ludgerusstraße und besuchten auf unseren zahllosen Spaziergängen gelegentlich auch den Friedhof an der Kirchhofsallee. Der war nicht so groß wie der Bergfriedhof, hatte aber eine hübsche Friedhofskapelle und viele sehr schöne und gepflegte Gräber.

Aber natürlich gab es auch Andere. Vernachlässigte, ungepflegte, manche kaum noch erkennbar und meistens ohne einen Stein.

Wir waren immer voller Tatendrang und bei einem dieser Besuche kamen wir auf die Idee, dass wir ein gutes Werk vollbringen könnten, indem wir eines dieser Gräber in “Pflege” nehmen. Wir fanden schnell Eines, von dem wir dachten, es gibt niemanden mehr, der sich darum kümmert. Ein Einzelgrab, links von der Kapelle den Weg rein. Ich sehe es heute noch vor meinem inneren Auge.

Zunächst machten wir uns daran, das Grab von Unkraut und Gestrüpp zu säubern. Das war mächtig viel Arbeit und wir wurden am ersten Tag natürlich gar nicht fertig.  Vor Allem, wir hatten ja keine Geräte dabei. Aber nach einigen Besuchen hatten wir es unkrautfrei und es sah schon ein wenig besser aus. Es fehlten nur die Blumen.

Nun wir hatten zwar den Wunsch, etwas Gutes zu tun, aber natürlich durfte es kein Geld kosten, denn das hatten wir nicht. Also haben wir die Abfallbehälter auf dem Friedhof abgesucht.

Wir hatten schnell eine recht passable Bepflanzung für unser Grab zusammen. Sogar brauchbare Blumensträuße fanden wir, oder zumindest waren darin immer noch ein oder zwei gute Blumen, die wir heraus suchten und zu einem Strauß zusammenstellten. Eine altes Glas dafür fanden wir auch irgendwo.

Nachdem “unser Grab” dann endlich wieder ansehlich war, gingen wir regelmäßig dorthin um es zu gießen und die Blumen zu wechseln. Und immer wieder fanden wir auch Material um unser Grab noch schöner zu gestalten.

Wir wussten nicht, wer dort liegt. Aber in unserer Phantasie malten wir uns aus, dass es vielleicht ein Mädchen ist, das keine Eltern mehr hat oder ein Mensch, der niemanden zurück gelassen hat, der ihn so geliebt hat, dass man sich auch um das Grab kümmert.

Wir nahmen die selbstgewählte Verpflichtung sehr ernst und wenn ich mich zurück erinnere, hatten wir fast so etwas wie eine Beziehung zu dieser unbekannten Person, die dort lag. Einsam und von den Angehörigen scheinbar vergessen.

Aber das endete jäh und unvermutet.

[tab:Ende]

Wir hatten vor Allerheiligen das Grab, so wie es üblich war, mit Tannenzweigen bedeckt und winterfertig gemacht. An Allerheiligen selbst gingen wir mit einem kleinen Teelicht in einem Kunststoffbecher, dass wir irgendwie organisiert hatten, zum Friedhof, um es auf unser Grab zu stellen.

Aber schon beim Näherkommen sahen wir, dass irgend etwas anders war als sonst.

Jemand hatte unser ganzes Grab umgestaltet. Unsere Tannenzweige waren fort, die Pflanzen gab es nicht mehr und auf dem Grab standen kleine Lämpchen, als gehöre es zu den vielen anderen Gräbern, die regelmäßig von Angehörigen besucht wurden.

Eigentlich hätte uns das freuen sollen, aber wir waren richtig enttäuscht und traurig. Es war, als habe man uns betrogen.

Wir haben das Licht auf ein anderes Grab gestellt, auf dem bisher noch keins stand und sind danach, soweit ich mich erinnere, nie wieder dorthin gegangen.

Meine Mutter konnte unseren Kummer nicht verstehen und schimpfte uns aus, dass wir lieber die Gräber unserer eigenen Angehörigen pflegen sollten, anstatt fremde Gräber.

Sie hat nicht verstanden, dass es uns doch darum ging, ein “eigenes Grab” zu haben, bei dessen Pflege uns niemand reinredete.

Natürlich besuchten wir doch auch die Familiengräber, aber das war für uns etwas völlig Anderes.

  • Gitte sagt:

    Ich sehe schon, wir haben viele Erinnerungen ähnlicher Art. Bei mir machte sich schon früh ein ziemlicher Gerechtigkeitssinn bemerkbar. Eines Tages stand ich dort vor zwei Gräbern, das eine Blumen überladen, das Andere karg und leer. Damit der “arme Tote” auch eine Freude hat nahm ich den kleinsten Blumenstauß von dem prunkvollen Grab und stellte ihn auf das Leere. Stolz ging ich heim und berichtete das meinem Großvater im Glauben etwas Gutes getan zu haben. Er Klopfte auf sein Bein, eine Aufforderung mich auf sein Knie zu setzen. Dann schaute er mir in die Augen und sagte: “Sicher hats du es gut gemeint, aber stell dir bitte einmal folgendes vor. das prächtige Grab gehörte vielleicht einem reichen Mann. Dessen Mutter ist alt und arm. Alle diese großen Sträuße haben vielleicht Leute gekauft um damit zu glänzen, siene Mutter aber konnte nur einen kleinen Straß kaufen und gerade der, der ihm von allen am meisten bedeutet hat, den hast du ihm genommen. Als ich dann weinte tröstete er mich und meinte das dér Mann der dort liegt nun im Himmel ist und als Engel genau weiß wie ich es gemeint habe und mir nicht böse ist, aber in Zukunft solle ich immer zu meinem Herzen auch den Verstand zu Rate ziehen. Weise war er mein Großvater unvergessen, auch noch 52 Jahre nach seinem Tod.
    Liebe Grüße Gitte

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