Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Der jüdische Friedhof auf dem Pastoratsberg

Der Weg
Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört auch der jüdische Friedhof auf dem Weg zur “Alten Burg”.

Ich bin überzeugt, er war es, der im besonderen Maße mein Interesse am Leben der Juden in Deutschland geweckt hat.

a109 Dieses Bild, welches mir von dem Heimatfotographen Wolfgang Pomierski freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, hat mich gedanklich wieder einmal auf einen Spaziergang geschickt.

Als ich noch kleiner war, fand oben auf dem Pastoratsberg, an der alten Burg in dem gleichnahmigen Lokal das Sommer- und Kinderfest der Werdener Spielleute statt. Unser Vater war ein sehr aktiver Spielmann und natürlich gingen wir Alle zu diesem Fest. Daher war mir als Kind der Pastoratsberg vertraut.

Später, als ich dann mit meinen Geschwistern die Gegend in und um Werden erkundete, sind wir natürlich auch in Richtung “Alte Burg” gewandert. Schon allein wegen der Ruine dort oben.

Es gab verschiedene Wege, aber der Schönste war, den Klemensborn hoch, dann an der Kreuzung Kellerstraße-Ringstraße rechts den steilen Ringstraßenberg hoch, links die ummauerte Rundtreppe rauf und dann am “Ruhrblick” kurz Halt gemacht. Das war eine Terrasse mit einigen Tischen und Stühlen und einer Art Kiosk, an dem man Getränke und Süssigkeiten kaufen konnte.

Von der Terasse aus hatte man einen weiten Blick über das Ruhrtal, auf den Plattenwald und auf Werden. Ging man hinter dem “Ruhrblick” nach links, kam man zur Jugendherberge und wenn man sich rechts hielt, ging es in Richtung “Alte Burg”

 

Der Friedhof
Natürlich blieben wir nicht immer auf dem Weg, sondern erkundeten auch das, was rechts und links am Wege lag.

Besonders Interesse weckte da natürlich auch ein halb umgestürzter Zaun der nur noch teilweise erhalten war. Irgendwann haben wir uns durch das Unterholz dorthin getraut und entdeckt, dass dort lauter Grabsteine standen. Mitten im Wald!

judischerfriedhofwerdenapirl2008-30 Wir vermuteten, dass es sich hier um einen sehr, sehr alten vergessenen Friedhof handelt. Er musste sehr alt sein, hunderte von Jahren, denn die Schrift auf den Grabsteinen, soweit man sie erkennen konnte, war aus einer anderen Zeit. Wie hätten wir wissen sollen, dass es sich um hebräische Schriftzeichen handelt und dies ein jüdischer Friedhof ist?

Wir fühlten uns wie Pioniere, die eine wichtige Entdeckung gemacht hatten.

So gut wie auf diesem Bild aus dem Jahr 2008 konnte man vor ca 50 Jahren die einzelnen Grabstellen nicht erkennen.

Das Gelände war von Efeu und Brombeergestrüpp überwuchert und viele kleine Bäumchen und Gebüsche hatten sich dort ausgesät.

Die meisten Grabsteine waren umgestürzt, andere so verwittert oder vermoost, dass die Inschriften kaum erkennbar waren. Geheimnisvoll und ein wenig gruselig war es dort.

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Ich kann leider nicht mehr sagen, wann und wie ich erfahren habe, dass dieser Friedhof gar nicht soo schrecklich alt ist und dort die Gräber jüdischer Bürger lagen, die ihren eigenen Friedhof hatten.

Aber wie das so ist mit den Dingen, um die ein Geheimnis gemacht wird. Man wird neugierig und macht sich selbst auf die Suche nach Wahrheiten.

Allerdings war es wohl typisch für diese Zeit, dass man auf Fragen, die in diese Richtung zielten keine, oder ausweichende Antworten erhielt.

Selbst unsere Geschichtslehrerin erzählte uns zwar unter Tränen von den Carepaketen der Amerikaner, aber nie etwas über Deportationen und Konzentrationslager.

Vom Volk der Juden hörte man allenfalls im Kindergottesdienst. Und da auch nur das, was in der Bibel geschrieben steht.

Vielleicht waren viele Erwachsene durch die Kriegsjahre und das Geschehen in der Hitlerzeit so traumatisiert, dass sie diese Greuel vor uns Kindern tabuisierten. Sie waren einfach noch zu nah dran.