Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Straßenkarneval

Das absolut größte Ereignis des Jahres war für uns Kinder der Karneval.

Werden war nach dem Krieg in meiner Erinnerung eine ähnliche Hochburg, wie die bekannten Städte an Rhein und Main. Die Menschen kamen aus der ganzen Umgebung am Veilchendienstag hier her, um im Straßenkarneval mit zu feiern.

Wenn andere Orte ihren Rosenmontagsumzug hatten, so hatten die Werdener den Alt-Weiber-Karneval. Ich glaube, es gab kaum jemanden in Werden, der da zu Hause blieb. Jedenfalls kommt es mir in meiner Erinnerung so vor.

Los ging es schon damit, dass sich meine Tante Edith meine Cousine, einige Bekannte und sogar meine Oma in einem recht merkwürdigen Aufzug bei uns trafen. Sie trugen alte schwarze Kleider mit langen Röcken und viel Firlefanz. Aber wer jetzt wer war, konnte ich nie so ganz richtig feststellen. Sie hatten sich mit Perücken, Masken und einem Hut völlig unkenntlich gemacht.

Außerdem erinnere ich mich noch, dass wir in Richtung Markt maschierten und die alten Weiber, die damals “Aule Wiewer” genannt wurden, einen Heidenspaß daran hatten, mich, die noch sehr klein war, zu ängstigen.  Das ist ihnen auch gut gelungen, denn sie waren mir sehr unheimlich.

Aber die Erinnerungen an diese Zeit des “Aule Wiewer Karneval” ist sehr schemenhaft, denn Anfang der 50er Jahre wurde er verboten. Irgendwann später habe ich einmal gehört, dass der Spaß zu weit ging, Sitte und Moral drohten zu verfallen. Aber es kann auch sein, dass die andere Variante zutreffend ist, nämlich, dass der Straßenverkehr zu stark dafür wurde und man sich schweren Herzens entschließen musste, den Umzug zu streichen.

Was den Ausschlag gab, wage ich nicht zu beurteilen. Autoverkehr hin oder her, den gab es auch in den anderen Hochburgen und gemessen an Köln, Düsseldorf oder Mainz, war es doch in Werden noch richtig dörflich.

Sollte es wohl doch eher an der Sorge um die Moral der Bürger und Bürgerinnen gelegen haben?

Wenn ich dann einige Jahre weiter denke, glaube ich aber, dass dem Verfall der Sitten damit kein Riegel vorgeschoben wurde. Das unmoralische Treiben, sollte es denn so gewesen sein, verlagerte sich in die zahlreichen Kneipen und Säle. Aus dem Straßenkarneval wurde “Kneipenkarneval”.

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