Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Einmal Prinzessin sein

Nachdem ich mit meinem Räuberkostüm so erfolgreich war, wollte ich mich natürlich auch im kommenden Jahr wieder verkleiden.

Dazu  nähte meine Mutter mir dieses Mal ein richtiges Kostüm. Ich durfte mir wünschen, als was ich gehen möchte und natürlich wollte ich gerne eine Prinzessin sein. Ein altes Samtoberteil wurde passend genäht und mit vielen farbigen Steinen verziert, dazu bekam ich einen weiten langen Rock aus einem schimmernden Stoff mit breiten rosa und hellblauen Streifen, immer von ein einem Goldfaden getrennt. Und natürlich ein Krönchen. Ich hatte als Kind recht lange Haare und so war die Prinzessin perfekt.

Mein kleiner Bruder wollte gerne als Cowboy gehen und bekam natürlich auch die richtigen Sachen dafür. Eine Hose mit Fransen, ein kariertes Hemd und eine Weste. Natürlich fehlte auch der Cowboyhut und der Colt nicht.

Alles wurde reichlich bemessen, damit wir darunter auch noch warme Sachen anziehen konnten.

Alle Kinder in unserer Nachbarschaft gingen an den Karnevalstagen singen. Wir schlossen uns ihnen zunächst an, weil wir uns so ganz alleine doch noch nicht so richtig  trauten vor die Leute zu treten und zu singen. Das Kommando führte Ulrike, die bei uns im Haus wohnte. Sie kannte sich schon etwas aus, da sie ein Jahr älter war als ich und schon in den Jahren vorher singen gegangen war.

Bald stellten wir aber fest, dass sie uns oft beschummelte. Wenn jemand etwas gab und sagte, wir sollten es uns teilen, bekamen mein Bruder und ich immer viel weniger als sie und ihre Freundin Roswita.

Also beschlossen wir im darauf folgenden Jahr, dass wir auf eigene Faust und Rechnung losziehen. Bereits am Sonntag fing es damit an, dass wir, so wie einige andere Kinder auch, durch die Kneipen zogen um an den Tischen die Gäste mit unseren Karnevalsliedern zu unterhalten. Ausser “Heidewitzka Herr Kapitän” hatten wir inzwischen noch einige andere, auch aktuelle Lieder im Repertoire. “Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wär”  “Wer soll das bezahlen”  oder “Am Aschermittwoch ist alles vorbei”

Wir hatten einen Riesenerfolg. Ich glaube, es lag nicht allein daran, dass wir die Einzigen waren, die nie das Lied vom kleinen König sangen, sondern auch die Mühe meiner Mutter mit unseren Kostümen und dem Bemalen der Gesichter hatte einen großen Anteil.

Wenn am Rosenmontag die Schule aus war, rannte ich schnell nach Hause, wir zogen uns um und dann ging es gleich wieder los. Denn um 13.00 machten die Geschäfte zu und da darf man keine Zeit verlieren. Viele Kinder zogen nach Ladenschluß erst einmal von Haus zu Haus, klingelten bei den Leuten und bekamen von den bereitgelegten Süßigkeiten. Wir haben das nie gemacht, das war zum Einen von unseren Eltern verboten worden, zum Anderen machte es auch viel mehr Spaß, in den Kneipen zu singen.

Besonders gerne gingen wir ins Kolpinghaus und ins Vereinshaus. Die hatten ja einen großen Saal und die Stimmung dort war immer richtig toll. Niemand fühlte sich durch uns im Feiern gestört. Und manchmal wurden wir auch aufgefordert, weiter zu singen. Das Beste am Singen in den Gaststätten war, dass man in den meisten Fällen Geld bekam. Sehr oft ein oder zwei Groschen, manchmal  auch 50 Pfennig und mit viel Glück gab uns auch mal jemand eine Mark.

Und da mein kleiner Bruder und ich ja alleine, bzw in späteren Jahren mit unserer Schwester gingen, blieb das Geld in der Familie. Es wurde gespart und wenn ein besonderer Anlass war, konnten wir darauf zurück greifen.

brehminsel-72 Am Rosenmontag trafen wir unterwegs gelegentlich auch auf die Werdener Spielleute, die diesen Tag ebenfalls zum “singen gehen” nutzten. Nur, dass sie eben nicht sangen, sondern hier und da vor einer Metzgerei oder einem anderen Geschäft ein Ständchen brachten und als Dank Würste und andere gute Sachen in den dafür mitgebrachten Bollerwagen bekamen.

Leider weiß ich aber nicht, auf welche Art sie weitergefeiert haben. Vielleicht gab es anschließend ein “Großes Fressen?”

Karneval gehörte für uns zur schönsten Zeit im Jahr und unsere Stimmung am Aschermittwoch war sicher genauso im Keller, wie bei den erwachsenen Karnevalisten.

Ach ja, ein kleiner Wermutstropfen fällt auf meine Erinnerungen.

Eines meiner persönlichen Lieblingslokale war “Am Kamin” . Dort speisten und feierten schon damals die etwas besser Betuchten. Es roch dort unheimlich gut und ich hatte immer den Wunsch,  wenn ich einmal groß bin,  auch dort  Essen zu gehen. Leider hat es nie geklappt, weil ich ja seit vielen Jahren nicht mehr in Werden lebe.  Aber der Wunsch ist unvergessen.

  • Gitte sagt:

    Mein erstes Kostüm das das eines Fliegenpilzes, es stammte von meiner Freundin, die unter uns wohnte und zwei Jahre älter war als ich. Mir ging es wie dir, ich hatte soooooooooolche Angst als ich das erste Mal irgendwo auf dem Viehauser Berg schellte, Gott sei Dank waren die Leute sehr lieb

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