Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Abenteuerliche Villa Hügel

Anfang der 60er Jahre, ich war ca 11 bis 12 Jahre alt, waren meine Geschwister und ich sehr viel in der Umgebung von Werden unterwegs.
Wir wohnten inzwischen nicht mehr auf der Heckstrasse, da ja viele Häuser, auch das Haus Nr 33, im Zuge der Stadtsanierung abgerissen wurden. Die folgenden Jahre lebten wir in einem Neubau auf der Ludgerusstrasse. Das hatte den Vorteil, dass wir es nicht weit bis zum Baldeneysee hatten.
Vielleicht ist es an anderer Stelle schon einmal zur Sprache gekommen, dass wir als Kinder, wenn wir raus durften, meist lange Spaziergänge machten. Wir erkundeten unsere Umgebung und kannten uns im Werdener Umland bald sehr gut aus. Natürlich interessierte uns brennend, was am anderen Ufer des Sees sein mochte. Die Villa Hügel beispielsweise weckte unsere Neugier.
Eines Tages haben wir uns dann aufgemacht, um dort hin zu kommen. Leider musste man dazu einen größeren Umweg machen, denn der Weg entlang dem Seeufer auf der anderen Seite des Stauwehrs, war gesperrt. Also mussten wir erst einmal den langen Weg durch den Wald gehen, der sich am Ende gabelte. Links ging es zu den Schrebergärten entlang der Bahnlinie, rechts noch ein Stück den Bahndamm entlang bis man dann auf die Freiherr vom Stein Straße kam.
Wir mussten noch ein ziemliches Stück die Straße entlang laufen bis wir endlich zum Parkhaus Hügel und der Zufahrt zum Pförtnerhaus der Villa Hügel, bzw zum Park kamen.
Der Eintritt kostete damals nur ein oder zwei Groschen und wir hatten von unserer Mutter etwas Geld bekommen, um uns unterwegs ein Eis zu kaufen. Das haben wir für den Eintritt genommen. Eigentlich mussten wir nur ein oder zweimal Eintritt bezahlen, denn natürlich blieb es ja nicht bei diesem ersten Ausflug, sondern im Sommer waren wir dann in manchen Wochen zwei oder dreimal dort. Oft schickte uns der Pförtner dann zum nahe gelegenen Kiosk am See, um ihm eine Flasche Bier zu holen und zur Belohnung durften wir danach umsonst in den Park.
Wenn man im Park besuchte, konnte man auch in die Villa. Jedenfalls dann, wenn gerade keine Ausstellung in den Räumen war. Die hatte es uns natürlich ganz besonders angetan. Wir bestaunten die riesigen Räume, die so wahnsinnig kostbar möbliert waren. An den Wände, hingen riesige Gobelins und Gemälde mit unterschiedlichen Motiven, aber dazwischen auch immer wieder Bilder, die Mitglieder der Familie Krupp zeigten. Im kleineren Bau war sogar eine richtige Ahnengalerie untergebracht und ich glaube, wir kannten damals jedes einzelne Bild und jedes Mitglied der Familie in und auswendig.
Zwischen dem kleineren und dem größeren Gebäude befand sich ein zweigeschossiger Mittelbau, der in jeder Etage nur einen einzigen riesigen Saal hatte. So wie den unteren Saal stellten wir uns damals einen Thronsaal vor. Zwischen den Fenstern waren große Spiegel angebracht, unter den Decken hingen riesige Kristallleuchter und ein riesengroßer edler Teppich bedeckte den größten Teil des wunderschönen Parkettbodens. Welche rauschenden Feste mochten hier wohl einmal statt gefunden haben?
Dann gab es noch eine riesige Bibliothek mit dunkler Eichenvertäfelung und tausenden Büchern in den Regalen. Auch die Eingangshalle war vertäfelt, ebenso wie das Arbeitszimmer des ehemaligen Hausherrn. Dort stand ein riesiger Schreibtisch und bestimmt hat sich der Hausherr einst hierher manchmal mit dem Kaiser zurück gezogen, der oft in der Villa Hügel zu Gast war.
In den Sommermonaten fanden dort besondere Ausstellungen statt und ich habe die Ausstellung “Koptische Kunst” von allen am besten in Erinnerung. Natürlich waren wir drei inzwischen mit allen Pförtnern und Ordnern gut “befreundet” denn wir haben uns immer ordentlich benommen, waren leise und machten keinerlei Unfug. Darum war es für sie wohl auch keine Frage, dass wir uns, auch wenn eine Ausstellung war, unter die Besucher mischen durften. Zwar war für uns Kinder nicht alles von Interesse, aber einige Teile dieser Ausstellungen haben wir uns immer wieder gerne angesehen.
Ja, und dann gab es natürlich den riesigen Park. Er erinnerte fast ein wenig an einen Teil des damaligen Gruga Parks, besonders der Teil mit den alten Rhododendren. Wenn sie blühten war es dort einfach traumhaft schön. Dazu die vielen alten Bäume, die einem fast ein Gefühl gaben, der Park sei mitten in einem Waldgebiet geschaffen worden. Auf der großen Rasenfläche vor dem Haupteingang stand ein lebensgroßes Pferd. Welche Bewandtnis es damit hatte, weiss ich bis heute nicht, aber wir stellten uns vor, es sei ein Denkmal für ein Lieblingstier der Familie Krupp. Wenn man die Wege entlang ging, entdeckte man außerdem an versteckteren Orten verschiedene Skulpturen. Ich erinnere mich noch an das Denkmal eines Vorfahren. Vermutlich war es dem Erbauer der Villa Hügel, Alfred Krupp, gewidmet.

So habe ich die Villa Hügel in Erinnerung und wenn ich es recht überlege, wird es Zeit, einmal nach zu sehen, was davon heute geblieben ist. Bestimmt hat sich einiges verändert, aber ich hoffe, der Park ist so schön wie damals geblieben.

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