Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Schützenfest in Heidhausen

Eines der besonderen Ereignisse im Jahresverlauf war das alljährliche Schützenfest an den Pfingsttagen in Heidhausen. Für uns Kinder natürlich wegen der Kirmes, die auf der Wiese hinter der Strunzhütte am Schwarzen aufgebaut wurde.
Auf dieser Kirmes gab es natürlich ein Karussell für die kleineren Kinder, mit verschiedenen Fahrzeugen, die im Kreis fuhren und teilweise mit einer Glocke oder Hupe ausgerüstet waren. Die waren besonders begehrt. Aber viel besser war natürlich die Raupe. Zum Einen, weil sie atemberaubend schnell drehte, zum Anderen, weil man sich so schön gruseln konnte, wenn dann gegen Ende der grün rote Überwurf die Wagen abdeckte und man völlig im Dunkeln weiter fuhr. Als ich älter war, war der Aufgang zur Raupe ein beliebter Aufenthaltsort. Man stand einfach an dem Geländer, sah denen zu, die sich drehten und konnte dazu die allerneuesten Schlager hören.
Das war auch am Autoscooter so, dort standen aber meistens eher die Jungs und die Musik war einen Tacken fetziger. Auf der Wiese stand auch das große Festzelt, in dem die Erwachsenen ihr Hochfest feierten.
Da unser Vater ja ein aktiver Spielmann bei den Werdener Spielleuten war, hatten die Pfingsttage natürlich immer ihren festen Ablauf. Am Sonntag Vormittag musste mein Vater schon zeitig los. Antreten nannte sich das, wenn die Spielleute in Aktion traten.
Nach dem Mittagessen ging meine Mutter dann mit uns hinterher. Es war ein weiter Weg, von der Heckstraße bis zum Schwarzen. Aber die Vorfreude beflügelte uns und wir konnten gar nicht schnell genug dort hin kommen. Meist erwartete uns Oma Reinicke an der Ecke Velberterstasse–Kathagen und wir gingen das letzte Stück gemeinsam.
Wir waren immer früh genug da, um den Festzug anzusehen. Das war natürlich für mich auch immer etwas Besonderes, denn nie im ganzen Jahr konnte man so viele Traumkleider sehen. Die Damen, die zum Hofstaat des Schützenkönigs gehörten, trugen meist lange Ballkleider nach der neuesten Mode und waren sehr elegant.
Und dann war da ja auch unser Vater, den wir bejubelten. Er marschierte mit den Spielleuten. In manchen Jahren spielte er die Lyra, manchmal schlug er auch die Becken. Der Umzug endete im Festzelt und endlich ging es für uns auf den Kirmesplatz. In den Tagen vorher bekamen wir von Oma und von den anderen Erwachsenen aus unserem Umfeld „Kirmesgeld“. Taschengeld, so wie es heute üblich ist, gab es ja damals nicht..
Und jedes Mal, wenn Kirmes war, bekamen wir von Oma Reinicke ein Lebkuchenherz. Das gehörte einfach dazu.
Bei Oma durfte ich dann auch meistens übernachten und wir trafen uns am anderen Tag mit Mama um dann den neuen König und seine Königin zu bejubeln, wenn sie von den Spielleuten von ihrer Wohnung abgeholt und ins Festzelt begleitet wurden. Manchmal gingen Mama und Oma dann auch ins Zelt und meistens bekam ich bei dieser Gelegenheit eine Sinalco. Mama war so was wie Papas Groupie und auch die anderen Spielmannsfrauen waren dort um ihre Männer anzuhimmeln. ;-)
Nachdem ich dann am Abend mit zu Oma nach Hause ging, feierten meine Eltern meist noch im Zelt und ich glaube, mein kleiner Bruder war dann bei Oma Klein zum Schlafen.
Dienstags war dann der letzte Tag und meine Mutter ging noch einmal mit uns zur Kirmes. Sie fuhr leidenschaftlich gerne auf der Raupe und natürlich nahm sie uns immer mit.
Wenn wir dann am Abend heimgingen, war ich natürlich immer schrecklich traurig, dass die schönen Tage nun vorbei sind. Es hätte jeden Tag Kirmes sein können.
Aber bis zur Appeltaten Kirmes unten in Werden, die natürlich noch viel größer und aufregender war, als die kleine Schützenfestkirmes, war es ja nicht mehr lange.

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