Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Heimarbeit

Völlig aus heiterem Himmel war sie da, die Erinnerung an die frühen 50er, als ich so ungefähr drei oder vier Jahre alt war. Auslöser war eine Fernsehsendung über das Korbflechter Handwerk.

Als ich die Frauen dort sitzen sah, inmitten von Peddigrohr und den Rohlingen der Stuhlsitze, war mir alles so vertraut und wie ein Blitz traf mich die Erinnerung an die Zeit, als mein Vater noch als Maurer für die Polstermöbelfabrik Überdick gearbeitet hat. Durch diese Verbindung bekam meine Mutter die Möglichkeit, Stuhl- und Sesselelemente in Heimarbeit mit Peddigrohrgeflecht auszufüllen. Als sei es gestern gewesen, erstanden die Bilder vor meinen Augen, die Möbelrohlinge und die vielen Stränge Peddigrohr, die verarbeitet werden mussten.

Noch besser erinnere ich mich an die vielen Platten Schaumstoff, die für die Polstermöbel gedacht waren und dazu in kleine Stücke gerissen werden mussten. Kleinschneiden war ungeeignet, es mussten gerissene Flocken sein. Und das konnte auch ein Kind gut machen. Wenn man es ließ. Und ich durfte natürlich helfen. Am leichtesten waren die dünneren Platten klein zu reißen. Aber komischerweise liebte ich besonders die Kanten der dickeren Platten, die eigentlich doch viel fester und unhandlicher waren.

Durch das Kleinreißen bekam ich natürlich oft Blasen an den Fingern, durch die dann ein Baumwollfaden gezogen wurde, der das Wasser aufnehmen sollte. Dadurch blieb die Haut darüber erhalten und nach einigen Tagen war nichts mehr zu sehen oder zu spüren. Manchmal gingen sie auch schon vorher auf, was natürlich sehr weh tat. Aber das konnte die Motivation nicht erschüttern und ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie viele Platten ich im Laufe der Zeit klein bekommen habe.

In vielen Familien wurde damals das Einkommen durch Heimarbeit aufgebessert und meine Mutter hat, solange ich zurück denken kann, immer an etwas gearbeitet. Sie hat genäht und gestrickt, immer für Menschen, die ihre Arbeit zu schätzen wussten.

Was mich an dieser Erinnerung heute besonders freut ist, dass meine Mutter sich daran auch noch erinnert. Das sind kleine Lichblicke und geben Gesprächsstoff, der sie aus dem Dunkel ihrer Krankheit herausholt. Ihre leuchtenden Augen, als wir bei einem Besuch darüber sprachen, waren wie ein Geschenk.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*