Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Am Heiligabend….unvergessen

Die letzten Tage vor Weihnachten, als  ich ca 5 bis 10 Jahre alt war, erschienen mir, wie  allen Kindern, endlos.

Der längste Tag aber war der Heilige Abend. An diesem Tag stand ich schon früh auf denn um 7.00 machte bei uns gegenüber der Friseur Hartmann sein Geschäft auf. Schon lange vorher bildete sich eine lange Schlange wartender Kundinnen vor dem Geschäft, denn es gehörte für die Damen einfach zum Weihnachtsfest, sich vorher beim Friseur verschönern zu lassen. Und jede wollte die Erste sein um so wenig wie möglich Zeit mit dem Warten zu verbringen.

Meine Mama hatte natürlich auch wenig Zeit, um sich stundenlang in die Warteecke zu setzen. Das war meine große Aufgabe. Wenn die Tür auf ging und die Damen im Laden verschwunden waren, ging meine Mutter mit mir über die Straße und lieferte mich beim Friseur ab. Dort durfte ich dann in der Warteecke sitzen und in den tollen Illustrierten blättern, die dort auslagen oder, als ich schon etwas größer war, auch “helfen” Wenn die letzte Kundin, die vor mir den Salon betreten hatte dann dran war, bin ich raus gelaufen und habe vom Bürgersteigrand aus ganz laut gerufen, damit meine Mutter rüber kam. Wenn sie dann frisch frisiert war, gingen wir gemeinsam nach Hause, wo es natürlich noch viel zu tun gab.

Am Nachmittag kam dann Oma Reinicke um mich zum Kirchgang abzuholen. Der Gottesdienst begann um 17.00, aber Oma kam immer gegen 15.00, half dabei,meine Sonntagssachen anzuziehen und ging dann gegen 16.00 mit mir über die Straße zur evangelischen Kirche. Wir mussten so früh dort sein, weil es sonst keinen Sitzplatz mehr gegeben hätte. Die Menschen standen kurz vor Gottesdienstbeginn dicht an dicht im hinteren Teil der Kirche. Aber ich glaube, der eigentliche Grund war, dass die Oma dem Christkind genügend Zeit geben wollte, uns einen Weihnachtsbaum zu bringen und natürlich auch die Geschenke und den süssen Teller.

Der Teller war damals sehr wichtig. Es gab immer einen schönen Apfel, eine Apfelsine, Plätzchen, die so aussahen, wie die, die Oma und Mama im Advent gebacken hatten und ein paar bunte Süssigkeiten. Unter anderem lagen Nougatwürfel darauf, die ich für mein Leben gerne mochte und die es heute scheinbar gar nicht mehr gibt,

Während der gesamten Zeit in der Kirche versuchte ich mir vorzustellen, was das Christkind wohl bringen würde und ein wenig hatte ich auch Sorge, dass es möglicherweise gar nicht kommt. Sei es, ich war nicht lieb genug gewesen, sei es, dass es den Weg nicht gefunden hat….1000 Gründe gab es, die man sich ausmalen konnte, weshalb man vielleicht leer ausgehen könnte.

Jedenfalls waren die Stunden in der Kirche immer die längsten des gesamten Tages. Wenn dann endlich der Gottesdienst vorüber war und wir mit der Gemeinde “O, du fröhliche” sangen, konnte ich es nicht mehr abwarten, endlich nach Hause zu kommen.

Wir hatten eine Durchgangswohnung, das heisst, man betrat die Wohnung durch die Küche, dann kam das Wohnzimmer und durch das Wohnzimmer kam man die die übrigen Räume. Auch auf die Toilette. Aber die Türe von der Küche zum Wohnzimmer war immer verschlossen, wenn wir aus der Kirche kamen. Das war natürlich ein gutes Zeichen, denn dann wusste man doch, das Christkind ist da.

Die Einzigen, die es sehen durften, waren meine Eltern. Die Mama kam ab und zu mit geheimnisvollem Gesicht in die Küche und wir trauten kaum, einen Mucks zu machen, damit sich das Christkind ja nicht erschreckt und mitsamt seinen Englein auf und davon fliegt.

Komisch, ich glaube, vor Aufregung mussten wir auch nie auf die Toilette, denn ich erinnere mich nicht, was wir dann gemacht hätten. Aber es gab ja noch das Gemeinschaftsplumpsklo im Hof….

Endlos lang erschien es mir immer, bis endlich das erlösende Glöckchen ertonte und die Mama aus dem Weihnachtszimmer kam, um uns zu holen.

Egal, wie neugierig ich auf die Geschenke war, in dem  Moment, wenn wir ins Zimmer traten, war ich jedes Jahr neu  zunächst überwältigt vom Anblick unseres Weihnachtsbaumes. Er sprühte von lauter Wunderkerzzen, sein Lamtta und die Kugeln glitzerten im Schein echter Wachskerzen und egal, wie ich mich bis heute bemühte, ich habe nie einen Weihnachtsbaum gesehen oder auch selber geschmückt, der annähernd so schön gewesen wäre, wie unser Weihnachtsbaum in den ersten Kinderjahren.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert *

*