Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Petra

Einer der traurigsten Abschnitte meiner Kindheit ist der Tod meiner kleinen Schwester Petra.

[Bild nicht gefunden]Petra wurde leider nur 7 Monate alt.  Sie wurde im Juli 1956 geboren und ich erinnere mich heute zu meinem Bedauern nur an die Zeit, als sie in der Kinderklinik  in Kettwig lag. Besuchen durften wir sie nicht, mein kleiner Bruder und ich. Er war damals zwei Jahre alt und ich stand ein paar Monate vor der Einschulung.

Zu Hause war eine gedrückte Stimmung,  voller Angst um die Kleine. Zwischendurch gab es Phasen, in denen meine Eltern zuversichtlich waren, weil die Ärzte Hoffnung auf eine Genesung machten. Petra hatte eine Bronchitis und eine eiternde Mittelohreentzündung, weswegen sie in die Klinik eingeliefert wurde. Fast auf dem Wege der Besserung bekam sie aber eine schwere Lungenentzündung.

An manchen Tagen nahm meine Mutter uns zu den Besuchszeiten, die man ja dummerweise früher fest einhalten musste, mit nach Kettwig. Wir mussten dann in einem Spielzimmer warten, denn Kinder durften verständlicherweise unter keinen Umständen auf die Krankenstation.  Mir erschien es so, als habe Petra endlos lange im Krankenhaus verbracht. Aber meine Mutter sagte später, es waren vier Wochen.

Jeden Abend haben wir für sie gebetet. Aber eines Morgens, nach dem Aufstehen fiel mir sofort auf, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Die Oma war da, mein Vater war noch nicht zur Arbeit und meine Mutter saß an ihrem Platz und weinte fürchterlich. Die Oma nahm mich zur Seite und sagte mir, dass der liebe Gott Petra in der vergangenen Nacht zu sich geholt hat. So richtig konnte ich es nicht begreifen. Es war das erste Mal, dass ich mit dem Tod in Berührung kam. Würde Petra nun nie wieder bei uns sein?

Meine Oma brachte mich dann bis über die Wigstraße, von wo aus ich den restlichen Weg zum Kindergarten in der Haus Fuhr alleine gehen konnte. Und merkwürdigerweise gibt es von dem Vormittag zwei Dinge, an die ich mich sehr deutlich erinnere und wofür ich mich lange Zeit  geschämt habe.

Das Eine war, dass ich mich gefreut habe, weil ich meinen roten Sonntagsmantel mit der Pelerine und der weißen Pelzeinfassung tragen durfte. Das Andere, und das habe ich später als das eigentlich richtig Schlimme empfunden: Ich kam in den Kindergarten und  fühlte mich ziemlich wichtig, als ich der Kindergärtnerin erzählte, dass Petra gestorben sei. Dass ich an dem Tag im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand hat mir gefallen. Damals war es mir nicht bewusst, dass das verwerflich sein könnte, aber als ich älter war, erinnerte ich mich oft daran und habe mich im Nachhinein geschämt.

Heute, mit dem Abstand von mehr als 50 Jahren und einer Portion Lebenserfahrung, denke ich, dass ich in dieser Zeit sehr traurig war, aber die Erwachsenen hatten in den zurückliegenden Wochen  mit sich selbst so viel zu tun gehabt, dass wenig Zeit blieb, meinem Bruder und mir Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Als ich an diesem Morgen mit der traurigen Nachricht in den Kindergarten kam, fiel mir endlich die lange entbehrte Aufmerksamkeit in den Schoß. Und  Schwester Marie konnte wunderbar trösten. Durch sie wusste ich auch, dass Petra nun bei Gott und seinen Engeln ist, dass es ihr gut geht und sie vom Himmel aus auf uns aufpasst.

  • Gitte sagt:

    Britta du hast völlig normal reagiert, auch die Gefühle bilden sich ja erst in der Zeit der Erziehung richtig aus und den Tod als solches kamm man als Kind gar nicht richtig fassen. Ich war etwa gleich alt als meine Urmoa starb, das kann man zwar nicht ganz vergleichen weil sie mir nicht so nahe stand, aber ich weiß noch genau wie ich vor ihrem Sarg stand und das gar nicht so schlimm fand, weil sie so freidlich aussah. Erst als ich mit immer wieder selbst sagte sie kommt nicht mehr wieder, kann dich nie wieder in den Arm nehmen kam die Trauer

  • Klaus sagt:

    Warum solltest Du Dich schämen? Ist Deine kindliche Reaktion nicht vielmehr ein Hinweis darauf, dass für Euch Kinder in der Erwachsenenwelt der Nachkriegszeit wenig Aufmerksamkeit vorhanden war, vor allem für die Sorgen, Schmerzen und Ängste in den Kinderseelen kein Verständnis existierte? Die Erwachsenen waren mit dem eigenen Schmerz beschäftigt, vielleicht auch damit, diese Gefühle nicht zu weit hochkommen, ausbrechen zu lassen. Die Kinder hatten sich an diese Verhaltensweisen anzupassen, sie hatten zu funktionieren. Dass Du Dich geschämt hast, zeigt ja u.a. auch, wie die Mechanismen einer geistigen und moralischen Unterdrückung schon im Kinderalter wirkten. Die kleine, verängstigte Seele kann ihre Nöte nicht ausdrücken, sondern kasteit sich selbst. Hierin drückt sich übrigens das Funktionsprinzip unserer christlichen Religion aus, sich selbst anzuklagen. Fehlte in Deinem Fall, liebe Britta, eigentlich nur noch der Gang zum Beichtstuhl und die Strafe von zehn Vaterunser. Aber das ist Dir zum Glück erspart geblieben.

  • Ines sagt:

    Liebe Britta

    Mich hat der Bericht doch sehr berührt, was mich aber am meisten trifft, ist dein Gewissen, mit dem Du Dich plagst.
    Es war nicht schwer, mich in die kleine Britta hinein zu fühlen, man spürte, dass Dich die Kleine beim Schreiben begleitet, im sinnbildlichen Sinne. Es ist nicht nur nachvollziehbar, dass sie die Aufmerksamkeit, die so lange entbehrte in sich auf sog, auch, dass sie mit gerade Mal 6 Jahren noch gar nicht wirklich verstand, was der Tod bedeutet.
    Im Leben der Kleinen zählten ganz andere Dinge, vielleicht auch die Frage, wieso ein anderer Mensch so viel Liebe bekommt, und man selbst so alleine bleibt.
    Krankheit und Tod haben völlig andere Gesichter, als bei einem Erwachsenen.
    Es tut viel mehr weh, wenn man glaubt, die Mutter hat einen nicht mehr lieb, als wenn ein Mensch stirbt, weil man mit dem ganzen Bewusstsein noch gar nicht erfassen kann, dass es für immer ist. Verlust macht sich erst bemerkbar, wenn man fühlt, dass da keiner mehr ist, nicht am Tage des Todes.
    Du hast den Verlust gespürt, und zwar bevor deine Schwester starb. Den Verlust all der Aufmerksamkeit deiner Familie, und das ist schmerzhaft und mit viel Angst besetzt.
    Die Liebe, die du durch den Tod bekommen hast, war heilend für dich, es war, wie ein Medizin, die man einer hungrigen Kinderseele gibt.
    Ich kann sie nicht nur verstehen…
    sie hat nichts Falsches getan, sondern ganz_normal reagiert.

    herzlichst Ines

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