Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Ein „Tag der deutschen Einheit“ in meiner Schulzeit

Bis 1990 war der 17. Juni der “”Tag der deutschen Einheit.”  im Gedenken an den Volksaufstand in der DDR.

Heute heißt er ein wenig anders, nämlich “Tag der Deutschen Einheit”" mit großem “D”und wurde auf den 3. Oktober festgelegt.

So wie sich die Schreibweise und das Datum geändert hat, hat sich auch seine Bedeutung verändert,Einst ein Tag zum Innehalten und zum Gedenken an das Schicksal der Menschen in der Zone, ist er heute ein Tag, an dem sich die Obrigkeit darin zu überbieten versucht, den Menschen den Erfolg ihrer Politik zu verdeutlichen. Vielfach wird dabei völlig übergangen, dass weder der eine, noch der andere Tag ein Tag der Politiker ist, sondern immer ein Tag der Menschen, die ihr Leben in Freiheit verbringen wollten.

In meiner Schulzeit wurde der 17.Juni als Tag der deutschen Einheit von mir als ein bedrückender Feiertag empfunden. Ich erinnere mich noch, dass ich am Morgen als Einzige in unserer Familie früh raus musste. Ich besuchte die Realschule in Velbert und alle Schüler mussten um 9.30 zu einer Feierstunde antreten. Das war eine Pflichtveranstaltung, der man sich nicht entziehen konnte. Es wurden langatmige, langweilige Reden gehalten. Hintergrundwissen hatten wir so gut wie keines, da die Zeit des Naziregiemes und seine Folgen kein Lehrthema waren. Am Ende wurde dann die Nationalhyme gesungen und wir durften nach Hause gehen.

Für die Jungen war ein dunkler Anzug und für die Mädchen schwarz weisse Kleidung vorgeschrieben und ich weiß, in einem Jahr trug ich einen weiten schwarzen Rock von meiner Mutter und eine weiße  Spitzenbluse. Man trug ja Sonntags sowieso „Sonntagskleidung“ und daher empfand ich mich auch nicht „overdressed“ Bis auf die Tatsache, dass mir die Sachen nicht so richtig passten.

Alle Schüler versammelten sich in der Aula. Der Schulleiter hielt seine alljährliche Ansprache und einige Schüler hatten vorbereitete Beiträge vorzutragen. Nach einer Stunde durften wir dann wieder nach Hause.

Weil alle Schüler zur gleichen Zeit entlassen wurden, war es ein wenig problematisch, in den Bus zu kommen. Anders als heute gab es keine speziellen Schulbusse, sondern wir mussten die normalen Linienbusse benutzen. Wenn man nicht mehr reinkam, musste man eine  Stunde warten, ehe der Nächste kam.

An das Jahr, als ich den schwarzen Rock meiner Mutter trug, kann ich mich noch so gut erinnern, weil wir nicht in den Bus kamen und daher beschlossen, nach Hause zu laufen. Es war heiß und ich habe ganz schön schwitzen müssen. Aus irgendeinem Grund kamen wir auf die Idee, an der Velberterstraße den Weinberg hoch zu klettern. Das war eine schlimme Tour, denn es gab keinen befestigten  Weg, sondern nur Gestrüpp und Felsen, an denen wir Halt suchen mussten. Dazu musste ich auch noch auf die guten Sachen meiner Mutter achten und ich habe mir damals gwünscht, ich hätte dem Vorschlag meiner Mitschülerinnen nicht zugestimmt.  Aber ich glaube es hat alles gut gegangen und wir waren noch rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause.

Ohne diese Feierstunde in der Schule hätte ich mich als Kind sicher viel mehr über den Feiertag gefreut. Aber vielleicht wäre mir heute weniger bewußt, welche Bedeutung der „Tag der deutschen Einheit“ damals  für unser Land hatte.

  • Gitte sagt:

    Britta du warst doch auch in der Heckerschule. Direktor Pleitgen hat mit uns sehr viel über die Kriegszeiten gesprochen

  • Britta sagt:

    Stimmt liebe Gitte, aber ich war nur bis zur 4. Klasse dor. Bei Herrn Pleitgen hatte ich nie Unterricht, nur bei Frau Schönhauser in der ersten, Fräulein Gutacker in der zweiten und später bei Frau Stecher. Die haben uns nichts darüber erzählt. Und in Velbert hatten wir eine Geschichtslehrerin die gehörte zu der Sorte, die man leicht mit Fragen nach dem Krieg vom eigentlichen Stoff ablenken konnte. Die hat uns aber nur ihre persönlichen Dinge erzählt. Bleibend in Erinnerung sind mir nur ihre Erzälungen von den Amerikanern, die sie mit Care-Paketen versorgten. Denn ich dachte, die hätten Alle bekommen und als ich meine Mutter danach fragte, wurde sie stinkesauer und sagte, die waren nur für priveligierte Leute, sie habe im Leben keines gesehen.
    Wie es zur Ostzone kam…..ne, das hat uns keiner erzählt. Einiges bekam man mit und wurde mit der Phantasie alleine gelassen.

  • Jutta sagt:

    Gedenken an das “Schicksal der Menschen in der Zone”
    darüber mußte ich nun doch schmunzeln. Unser Schicksal war nicht schlimmer als das Eure.
    Aber da Du und viele es eben nicht anders wußtet , kannst Du nichts dafür.Ich weis nicht wie weit Du im Nachhinein vom Leben in der DDR erfahren hast. Aber unser aller Schicksal heute ist viel schlimmer.
    Konsummäßig ging es uns nicht so gut wie heute, das stimmt. Aber Konsum bedeutet auch Geld. Geld das wir heute nicht mehr haben um uns das leisten zu können was geboten wird.
    Ja und das finde ich schlimmer als das zu missen was ich nicht kenne.

    Trotz allem ist deine Geschichte super geschrieben. Und was fällt Dir auch ein im Rock von Mama Klettertouren zu unternehmen. Ein anständiges Kind tut doch sowas nicht.
    Ich hoffe auch die Bluse lies noch erraten dass sie mal weis war. Köstliche Geschichte.

  • Britta sagt:

    Ohje Jutta, wenn was an die Sachen gekommen wäre hätte es eine ordentliche Tracht gegeben… ;-)
    Dass das Leben in der DDR anders war, als hier im Westen wussten wir, aber im Grunde nie was Richtiges.
    Aber das war glaube ich hüben und drüben ähnlich.

  • Jutta sagt:

    Hallo Britta,
    Danke für Deinen lieben Gegenbesuch auf meiner HP, habe mich sehr über Deinen GB-Eintrag gefreut, danke.
    Ja bei uns in der DDR war es auch schön.
    Darum habe ich versucht ein wenig davon auf meiner HP zu zeigen. Naja, Heimat ist Heimat.
    Besuch mich bald wieder, schade, leider nur auf der HP, lach.
    Liebe Grüße und ein schönes WE wünscht Dir Jutta

  • Britta sagt:

    Ach Jutta,
    bis zur Wende war das Gebiet der ehemaligen DDR sozusagen mein Traumland. In meiner Vorstellung war es der schönste Teil von dem. was einst Deutschland war. Ich habe die Landschaften dort sicher ebenso glorifiziert, wie man “drüben” den Westen als das gelobte Land angesehen haben mag.
    Mit dem Unterschied, dass die Landschaften in den Bundesländern, die früher DDR Gebiet waren, genau meiner Vorstellung entsprachen….. ;-)

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