Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Salon Hartmann auf der Heckstraße 32

250__320x240_scannen0035 In meiner Kindheit, bis zum 12. Lebensjahr, wohnten wir in der Heckstraße 33, gleich gegenüber vom Kapellenhof und dem Friseursalon Hartmann.  (heute “blaues Haus”)

Hartmann, das war schon  im Kindergartenalter  der Inbegriff von Chic und Eleganz. Wie oft habe ich von unserem Küchenfenster aus die Tür fest im Blick gehalten und darauf gewartet, dass eine der frisch frisierten und wundersam verwandelten Damen den Laden verläßt.

Ich habe heute noch den Laden und die Mitarbeiter vor Augen. Wenn man die drei Stufen hochging und das Geschäft betrat,stand  rechts eine Verkaufstheke, wo auch die Verschönerung bezahlt wurde und viele tolle Dinge ausgestellt waren. Lippenstifte, Nagellack, 4711 und Tosca, alles was zu dieser Zeit das Herz eines kleinen Mädchens höher schlagen ließ. Geradeaus, vorbei an der Theke und einer Tür die zum Hausflur ging, kam man in den Herrensalon. Dort arbeitete Herr Hartmann. Er war für die männliche Kundschaft zuständig.

Vom Eingang aus links führte ein Durchgang zum Damensalon. Wenn ich mich nicht irre, hatten sie 5 Kabinen. So wurden die Plätze genannt, in denen die Kundinnen Platz nahmen und die jeweils durch einen Vorhang voneinander getrennt waren. Und man konnte auch noch einen Vorhang zum Laden hin schließen, wenn es eine Kundin wünschte.Gegenüber der letzten beiden Kabinen waren zwei Auskämmplätze. dort wurden die Frauen, wenn es voll war, auch unter die Trockenhauben placiert. Im Fußboden befand sich ein Loch mit einer Abdeckung. Dort hinein wurden die Haare gefegt und es  blieb mir immer ein Geheimnis, was sich dort unten wohl befand.

Ganz vorne, neben dem Schaufensterkasten war die Warteecke. Man möge mich verbessern, wenn ich mich irre, aber ich meine, es war eine mit Leder oder Kunstleder bezogene Bank, ein Tisch und ein paar Stühle, Auf dem Tisch lagen immer die schönsten Zeitschriften aus, mit vielen Bildern von Königinnen, Prinzessinnen und allem, was damals die Menschen ansprach.

Samstags war mein Tag. Ich wurde zeitig geweckt und durfte dann kurz nachdem der Salon geöffnet wurde rüber. Wir konnten von der Küche aus sehen, wenn es so weit war, dass die lange Schlange wartender Frauen im Laden verschwand. Meine Mutter brachte mich in den ersten Jahren noch selbst über die Straße und ich durfte dann in der Warteecke sitzen, falls noch ein Stuhl frei war.

Das gehörte zum Zeitmanagement meiner Mutter. Sie ersparte sich auf diese Art eine stundenlange Wartezeit, denn wenn es soweit war, dass ich an der Reihe sein sollte, bin ich raus gelaufen und habe vom Bürgersteig aus ganz laut gerufen. Dann kam meine Mutter schnell rüber und ließ sich, so wie es damals üblich war, die Haare waschen und legen.

Ich fühlte mich immer richtig wohl bei Hartmann. Beim Betreten des Ladens umfing mich ein Duftgemisch von Dauerwellflüssigkeit, Shampoo und Haarspray. Und Frau Hartmann, ihre Tochter Inge und die anderen Friseusen waren immer wie aus einer der tollen Zeitschriften, tiptop frisiert und zurechtgemacht.

Ich glaube, ich gehörte für die Mitarbeiter des Salons am Samstag schon richtig mit dazu. Irgendwann durfte ich dann anstatt in den Zeitschriften die Bilder anzusehen, “helfen” Ich durfte die abgeschnittenen Haare in das Loch fegen und die Lockenwickler anreichen. die waren ja farbig markiert und die Friseuse sagte dann nur, rot…blau….grün und ich hielt ihr den entsprechenden Wickler entgegen und die dazu gehörende Postiche-Nadel. Und natürlich durfte ich auch zusehen, wie die Damen später ausfrisiert wurden.

Seit ich denken kann stand für mich fest, dass ich, wenn ich groß bin, unbedingt eine Friseuse werden will. Und  natürlich wollte ich gerne bei Hartmann arbeiten.

Nun ja, eine Friseuse bin ich geworden, aber leider nicht bei Hartmann. Als ich mir eine Lehrstelle suchte, waren sie bereits ausgelastet und ich kam dann zum Salon Zapp auf der Forstmannstraße, der, nachdem ich drei Monate dort war, glücklicherweise von Ursula Pantel übernommen wurde und Salon Ursula hieß. Wie ich küzlich feststellen durfte, gibt es dort heute den Salon Natrop.

Wenn ich darüber nachdenke glaube ich, dass ich ohne Hartmanns vielleicht nie auf den Gedanken gekommen wäre, diesen schönen Beruf zu erlernen.

  • Silke Kozjak sagt:

    na prima, nun haste mir die Tränen in die Augen getrieben, einerseits vor Ergriffenheit, anderseits vor Lachen.
    ich schiel mal zu Peter, meinem Göttergatten.. und er hat auch etwas feuchtes im Blick..

    da gibt es nichts zu berichtigen.
    Ich weiß nicht wie die Warte-Ecke bestückt war.(mich, gab es ja noch nicht).
    auch mich hat man zu Kinderarbeit getrieben (ich durfte bei Frau Frielingsdorf, die im Kapellenhof wohnte, deren Mann Tauben hatte. immer die Haarnadeln rausnehmen und durch- Bürsten.)
    nun zum Loch, das gibt es noch! Peter hat dieses Wochenende das tausendste Scharnier angebracht und neu lackiert :-)
    noch heute erfreuen sich die Kinder, ihre abgeschnittenen Zöpfe dort runter zu fegen.

    die Auflösung was unter dem Loch ist… nen Müllsack ..5 Liter.
    2mal in der Woche heisst es “Peter, der Sack ist voll” grinss.
    ach.. und der Sack wird noch heute mit nem alten Ledergürtel an einem Alurohr befestigt “Idee vom Urgroßvater”

  • Britta sagt:

    Liebe Silke
    Ich muss dich unbedingt in eurem Salon besuchen kommen, wennn mich mein Weg wieder einmal nach Werden führt.
    Ich glaube, sowas praktisches wie dieses Loch behält man auch bei Umbaumaßnahmen die ihr sicher das eine oder andere Mal vorgenommen habt, bei.
    Indirekt habe ich dann doch in meiner Lehrzeit vom Salon Hartmann profitiert, denn wir hatten zwei Friseusen, die ihre Ausbildung bei euch gemacht hatten.

  • Silke Kozjak sagt:

    Kaffee steht bereit ;-)

    nee, keiner hat bei Umbauten auch nur einen Augenblick daran gedacht, das praktische Loch wegzumachen.

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