Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Die Roggenmuhme

Sie ist ein Vermächtnis meiner Oma Reinicke – die Roggenmuhme.

Omas Haus

Gleich an Oma’s Garten schloß früher ein riesiges Kornfeld an. Wenn wir eine kleine Böschung hochstiegen und durch das eingelassene Törchen ihres Gartenzauns traten, trennte uns nur ein schmaler Fußweg von wogendem Weizen, Hafer oder welche Kornart auch gerade ausgesät war. Diesen Weg nahmen wir gelegentlich, um in der Nähe Nachbarn zu besuchen.

Ich nutzte natürlich die Gelegenheit, um einige Blumen zu pflücken. Hier wuchsen die schönsten Kornblumen, roter Mohn und duftende Kamillen. Leider standen natürlich die schönsten Blumen immer ein Stück weiter im Feld. Aber dort waren sie für mich unerreichbar. Denn bei jedem Gang am Feldrand entlang warnte Oma mich eindringlich vor der Roggenmuhme, die im Feld lebt und nur darauf wartet, dass ich ungehorsam bin und zu weit vom Weg abkomme.

Was aber noch viel schlimmere Auswirkungen haben könnte wäre, dass ich unfolgsam bin und mich beim Blumenpflücken tiefer ins Feld wage. Dann sei es um mich geschehen. Die Roggenmuhme habe noch kein Kind wieder zurück gelassen, dass sich zu weit in ihr Gebiet wagte. Und die armen Eltern sitzen dann zu Hause und weinen.

Wie die Roggenmuhme aussieht konnte Oma mir nicht sagen. Niemand hätte sie jemals gesehen und wer ihr einmal begegnete, sei nie wieder aufgetaucht. Aber ich stellte sie mir ungefähr so vor, wie die unheimlich aussehende alte Frau mit der merkwürdigen Sprache, die ab und zu die Oma aufsuchte. Sie kam immer durch den Garten und wenn ich sie von Weitem sah, habe ich mich schnell versteckt. Vielleicht war sie es ja?

Als ich älter wurde und mit meinen Geschwistern Kamillenblüten gesammelt habe, war ich mir nie so recht sicher, ob es die Roggenmuhme gibt, oder ob sie nur eine Märchengestalt meiner Oma war. Kürzlich sagte mir mein Bruder aber, dass ich ihnen immer diese Schauermärchen von der Roggenmuhme erzählt habe. Nun, das hatte sicher auch seinen Grund darin, dass ich so sicher gehen konnte, dass sie sich nicht zu weit von mir entfernten.

Vielleicht wurden einst solche Geschichten erfunden, damit die Kinder nicht auf den Gedanken kommen, im Kornfeld Verstecken zu spielen und dabei das Korn platt zu treten?

Oder, vielleicht sind tatsächlich schon Kinder im Kornfeld verschwunden und man hat sie erst viel später wieder gefunden. Denn wie sollte ein Kind aus den riesigen Feldern wie sie früher im Osten waren, wieder herausfinden, nachdem es einmal die Orientierung verloren hat?

Heute sind diese Kindererziehungsmethoden verpönt. Aber wenn ich ehrlich bin, sie haben mir nicht geschadet, im Gegenteil. Dank meiner Oma habe ich nie den Respekt vor der Roggenmuhme, bzw vor den Kornfeldern, verloren.

Gedicht von der Roggenmuhme 

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