Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Mein wunderschönes Perlonkleid

heckstrasse-22 Wie gut  erinnere mich noch  an den Moment, als ich es zum ersten Mal sah. Es hing im Schaufenster vom Modehaus Niermann auf der Brückstraße.

Ich war 6 Jahre alt als sich meine Mutter mit mir auf den Weg dorthin machte, weil ich ein neues Sonntagskleid bekommen sollte.

Und da hing es! Ich hatte bis dahin nie ein schöneres Kleid gesehen.Ein Traum von einem Kleid. Aus ganz hellblauem, fast weißem, hauchzarten Stoff mit hunderten  pfenniggroßer samtiger  Blüten. Sie sahen aus, wie dunklelblaue Sterne. Es hatte einen super weiten   Rock, einen kleinen Bubikragen und seitlich befestigte Schleifenbänder, die im Rücken gebunden  wurden.Und  statt Ärmel hatte es kleine Flügelchen über den Schultern. Einfach nur schön.

Am liebsten wäre ich damals gar nicht mehr von dem Schaufenster weg gegangen. Ich hatte sogar einen kleinen Moment die Hoffnung, dass meine Mutter mir genau dieses Kleid kaufen würde. Nachdem die Verkäuferin nach ihrem Wunsch gefragt hatte, fragte sie sie nämlich nach dem Preis für das Kinderkleid im Schaufenster. Es kostete 49 Mark!!! Das war eine unvorstellbare Summe und ich konnte nicht einmal enttäuscht sein, denn es war sofort auch für mich klar, dass dieses Kleid nur etwas für richtig reiche Leute sein kann.

Trotzdem holte es die Verkäuferin aus dem Fenster und ich durfte es sogar berühren. Sicher hatte sie dabei ein wenig die Hoffnung, meine Mutter würde sich zu einem Kauf hinreißen lassen.

Aber ich bekam natürlich ein neues Kleid. Aber nicht dieses, sondern ein Baumwollkleid im Dirndlstil. Es war dunkelrosa/weiss kariert und hatte kleine Puffärmel und eine Schürze. Ganz stolz ging ich mit Mama wieder nach Hause denn immerhin war es ein “neu gekauftes Kleid”  Alleine das war schon etwas Besonderes, denn bis dahin waren meine Kleider meist geänderte Sachen, die von jemanden vererbt wurden.

Aber früher gab es noch richtige Wunder!

Am späten Nachmittag kam meine Oma Klein zu uns. Völlig überraschend und strahlend vor Freude.  Unterm Arm trug sie ein Paket und ich sollte im Zimmer bleiben, damit sie es auspackt. Auch meine Mutter war vollkommen ahnungslos.

Oma öffnete die Verpackung und ….. sie holte das  wunderschöne, sündhaft teuere Kleid hervor. Schnell zog ich mich aus, um es gleich anzuprobieren und siehe da, es passte! Etwas zu lang war es zwar, aber das war ja nur gut , denn so konnte ich wenigstens nicht so schnell raus wachsen. Es wurde am Bund ein Stück eingelassen, denn am Saum hätte es nicht so gut ausgesehen.

Meine Mutter erzählte ihr, dass wir vor wenigen Stunden auch bei Niermann waren und das Kleid dort bewundert haben. Und sie fragte natürlich, wieso Oma, die ja auch nur wenig Geld zur Verfügung hatte, dieses Kleid gekauft hat. Vor Allem, ohne jeden Anlass. Aber ihr war es so ähnlich ergangen, wie uns. Sie kam an dem Laden vorbei, sah das Kleid im Fenster und es war um sie geschehen.

Sie hatte immer einen “Notgroschen” , also etwas Geld, dass sie für schwere Zeiten abgezweigt hatte, Und davon hatte sie jetzt für mich dieses Kleid gekauft!

Jetzt hatte ich an einem Tag sogar zwei neue Kleider bekommen und ich bin sicher, es gab kein Mädchen, das glücklicher war, als ich,

Ich glaube, die Vorfreude auf Weihnachten war nicht größer, als die auf den kommenden Sonntag, an dem ich endlich mein Traumkleid anziehen und mich damit zeigen konnte.

  • Gitte sagt:

    Hallo Britta und alle anderen Werden Begeisterten!
    Wie kann ich das nachvollziehen, wenn ich ein Sonntagskleid brauchte bin ich mit Papa einkaufen gegangen, denn der konnte seinem kleinen Prinzesschen selten wiederstehen. Wenn Mutter auf Zweckmäßigkeit achtete, dann sah er nur meine strahlenden Augen. Auch ich besaß ein zauberhaftes Perlonkleid, weiß mit Blütenranken, Rüschen und ebenfalls Flügelärmeln. Mutter war entsetzt, aber ich habe es geliebt.
    Liebe Grüße Gitte

  • Gitte sagt:

    Sommersonntag!
    Sommersonntagssonne und Gluthitze
    Während ich hier sitz und schwitze
    Denke ich plötzlich ganz vage
    An fast vergess’ne Kindertage.

    Perlonkleid und Lackschuhe,
    überall ist Sonntagsruhe.
    Weiße Schleifen in dem Zopf
    Zierten unsren Sonntagskopf.

    Weiße Söckchen und gesittet
    Das Kind brav um ein Eis nun bittet.
    Artig, schön und nicht gekleckert,
    weil sonst die Mama kommt und meckert.

    Familie kommt zur Kaffeestunde,
    danach folgt die Verdauungsrunde.
    Die Welt sauber und voll Harmonie,
    ach schöne Zeit wohin ist sie?

    Heute Löcher in den Hosen,
    Cola säuft man nun aus Dosen.
    Große Klappe, wenig Hirn
    Wo soll das nur noch hinführ’n?

    Ich leb in meiner heilen Welt
    Und lass nur rein wer mir gefällt.
    ©By Gitte

  • Britta sagt:

    Liebe Gitte,
    ich freue mich jedesmal neu über deinen Besuch auf meiner Seite und natürlich über dein Feedback.
    Ganz besonders, wenn es so passend ist, wie dieses Gedicht.
    Ganz lieben Dank dafür. :-)
    Ein sommerlicher Gruß von Britta

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