Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Badetage

Wer die Beschreibung unserer Wohnung in der Heckstraße gelesen hat, wird bemerkt haben, es gab weder fließend warmes Wasser, noch ein Badezimmer Nur einen einzigen Wasserhahn in der Küche und unseren ganzen Stolz, die eigene Toilette.

Als wir klein waren hat meine Mutter uns also in der Küche mit kaltem Wasser gewaschen und am Wochenende wurde der große Einmachtopf auf den Gasherd gesetzt. Das war das Zeichen für ein besonderes Vergnügen. Denn dann kam die große Metallwanne zum Einsatz, in der wir gebadet wurden. Einer nach dem Anderen, immer im gleichen Wasser natürlich. Das heisst, es wurde aber nach jedem Kind etwas heißes Wasser nachgefüllt.

Für unsere noch ganz kleine Schwester wurde die Wanne nicht so voll gemacht. Anschließend durfte dann mein kleiner Bruder rein und am Ende ich.

Die Wanne stand immer in der Küche vor dem Spülstein und wir durften nicht so, wie wir es gerne getan hätten, richtig dolle rumplantschen. Dann hätte ja der ganze Fußboden unter Wasser gestanden. Aber etwas Gelegenheit, uns zu aalen hatten mein Bruder und ich, weil ja zunächst meine frisch gebadete kleine Schwester und danach auch mein Bruder, trockengerubbelt und angezogen werden mussten.

Aber wenn Mama zu uns an die Wanne kam, wurde es ernst. Mit einem Waschlappen und Seife rubbelte sie uns ab und das Allerschlimmste, sie wusch uns die Haare. Mit Schauma Shampoo ;-) Ich glaube, es gab auch gar keine andere Sorte. Ich weiss noch gut, es war eine Tortour, denn der Schaum kam in die Augen und brannte furchtbar. Am Schluß spülte sie uns den Kopf mit einem Topf Essigwasser nach, damit die Haare schön glänzen sollten.

Ab und zu ergab es sich auch, dass wir bei meiner Oma Klein gebadet wurden. Sie wohnte in der Hufergasse, ganz oben unter dem Dach und sie hatte eine größere Wanne als wir, weil sie ja nur Erwachsene waren. Besonders mein kleiner Bruder wurde von ihr oft in die Wanne gesteckt. Er war sowieso ihr erklärter Liebling, was nicht verwunderlich ist, denn Oma hatte ja zwei Söhne und kannte sich scheinbar besser mit Jungens aus, als mit Mädchen.

Aber es gab da natürlich auch noch die Badeanstalt unten in den Kellerräumen der Heckerschule.

die Badeanstalt

Dorthin gingen meine Mutter und mein Vater am Freitag Abend, denn da gab es richtig große Badewannen und auch Duschen. Und es kam später öfter vor, dass meine Mutter mich mitnahm und ich zu ihr in die Wanne durfte. Herrlich duftender Fichtennadelschaum umhüllte uns und die Luft war nebelig vom Wasserdampf. Überhaupt roch es in der Badeanstalt einfach herrlich.

Allerdings muss ich meine Mutter einmal in eine schrecklich peinliche Situation gebracht haben. Irgendwann, als ich noch sehr klein war, durfte ich mit ihr zur Badeanstalt gehen um weihnachtliche Sauberkeit zu erlangen. Und als wir dann in der uns zugeteilten Kabine waren, die ja nur durch eine Stellwand voneinander getrennt wurden, habe ich wohl wegen dem rauschenden Wasser ziemlich laut gesagt,
“Stimmt es Mama, wir baden heute extra, weil das Christkind kommt, ne?”

In den Nachbarkabinen machte sich Gelächter breit und meiner Mutter, die ja damals noch sehr jung war, muss das furchtbar peinlich gewesen sein. Jedenfalls hat sie es mir in der Vergangenheit sehr oft erzählt. Trotzdem hat sie mich später als ich etwas älter war, mit dorthin genommen.

Ob ich dann die Auflage hatte, den Mund zu halten, weiss ich heute nicht mehr ;-) Aber ich weiss, sie musste für mich nicht extra bezahlen, da wir ja zusammen in die Wanne gingen.

die Badepreise Anfang der 60er Jahre

Woran ich mich im Zusammenhang mit unserer Badeanstalt noch gut erinnere, ist, dass am Samstag wenn wir große Pause in der Schule hatten, aus den Kellerfenstern die Geräusche der prasselnden Duschen und der Duft nach Fichtennadeln entströmte. Gepaart mit dem Prusten und manchmal auch Gesängen der Werdener Bürger, die damals eifrig die Badeanstalt nutzten.

Denn wie ich es schon einmal an anderer Stelle erwähnte…..Die wenigsten Leute hatten ein Bad und eine Toilette in ihrer Wohnung.

;-)

Ein Geschenk von einer “Waddischen”

Für dieses Gedicht bedanke ich mich ganz herzlich bei Gitte, wie ich eine “Waddische”
und mit mir der Meinung, einmal Werdenerin, immer Werdenerin.

Werden

Wie oft schon wurdest du besungen
Und vieles ist echt gut gelungen.
Wer einst geboren in Werdens Schoß
Wird diese Liebe niemals los.
Immer wieder kommt’s in den Sinn,
ich muss nun endlich wieder hin.

Will bei den Dichtern mich einreihen,
Kritiker mögen’s mir verzeihen.
Das Ganze ist die Britta Schuld,
aber was soll’s Werden das ist Kult.
Das kleine Dörfchen an der Ruhr
Verfügt über eine große Kultur.

In der Heckerschule saßen wir einst drinnen,
sahen auf der Kirchturmuhr die Zeit verrinnen. (Quälend langsam damals)
Auf dem Heyerstrang, da glitten wir übers Eise
Auf wunderbare, märchenhafte Weise.
Und mit der weißen Flotte auf dem See
Da jubelt das Herz juchee, juchee.

Und soll’s dich mal so richtig schaudern,
dann eile schnell ohne zu zaudern
zum heiligen Ludgerus rein
und hock dich vor den Grabesschrein.
Da hörst besonders du im Dunkeln
Die armen Seelen kläglich munkeln.

Ach wie herrlich und wie schön
Ist die Brehminsel anzuseh’n.
Welcher Werdener vermisst sie nicht,
wenn sie strahlt im Morgenlicht
Wie oft haben wir hier gesessen,
Romanzen besprochen, Schokolade gegessen.

Aus Liebeskummer hier geweint
Im Arm der Freundin, mit ihr vereint.
Die erste Zigarette raucht’ ich hier,
meine Freundin Rita war bei mir.
Ach Werden, du bist wunderschön,
bald komm ich wieder dich anzusehn.

By Gitte

Heckstrasse 33

hier erlebte ich meine Kindheit

Im letzten Jahr arbeitete ich an einer Studie, die sich mit der heutigen Lebenssituation der Menschen über 50 befasst. Darin gibt es eine Frage, bei der ich automatisch an meine eigene Kindheit zurückdenke.

Man soll sich an die Wohnsituation erinnern, als man selber 10 Jahre alt war. Dann werden einige Dinge aufgeführt, die heute zum Standard gehören. Also, hatte ihre elterliche Wohnung damals:

fließendes kaltes Wasser
fließendes warmes Wasser
eine eigene Toilette
ein eigenes Bad
eine Heizung

Natürlich denkt man dabei automatisch an die eigene Wohnung zurück.

So werde ich heute einmal versuchen, unsere Wohnsituation zu beschreiben.
Die, als ich 10 war natürlich ;-)

Wir wohnten damals in der Heckstraße 33, gleich gegenüber vom Friseursalon Hartmann und dem Kapellenhof.

Unsere Wohnung lag im Erdgeschoss und war die größte in diesem Haus.

Über uns wohnte meine Kindheitsfreundin Ulrike Rossbach mit ihren Eltern auf der rechten Seite, und gegenüber auf dem gleichen Flur, ihre Großeltern, die Eheleute Immand. Darüber dann Familie Schick auf der einen Seite und gegenüber die Eltern von Herrn Schick. Ganz oben wohnte Frau Simon. Sie war eine alleinstehende Dame.

Jede Partei hatte zwei Zimmer, von denen man jedes nur über den Hausflur erreichen konnte. Meine Familie hatte dagegen die gesamte Erdgeschossetage mit 4 Zimmern. Je zwei Zimmer wurden durch einen, vom eigentlichen Hausflur provisorisch abgeteilten, Zwischenflur getrennt.

So ergab sich für uns eine völlig abgeschlossene Wohnung. Man kam in die Küche, ging durch ins Wohnzimmer, dann durch den “Flur” zwei Stufen hoch ins Schlafzimmer und zwei Stufen runter ins Kinderzimmer. Davon abgeteilt hatten wir unseren ganz besonderen Luxus:

    Eine eigene Toilette.

Die hatte mein Vater selber angelegt. Er war ja damals Maurer und handwerklich sehr begabt- Er hat eine richtige Wand ins Kinderzimmer gemauert mit einer richtigen Tür, so, wie es sein muss. Und dahinter befand sich unser Klo.

    Mit einer Wasserspülung!

Alle anderen Hausbewohner hatten zwar auch eins, aber das war ein Plumsklo draussen im Hof. Also ein Holzbrett, wie eine Bank, mit einem runden Loch und einem Holzdeckel, der es abdeckte, damit es, besonders im Sommer, nicht zu sehr stank.

Man musste durch die Haustür, über die Gasse, das hohe Holztor aufschließen, dass den Zugang zum ummauerten Hof versperrte, dann noch neben den Ställen das Vorhangschloß zum Plumsklo öffnen und wenn es dann noch nicht zu spät war, konnte man sich endlich erleichtern. ;-)

Alle paar Tage ging jemand runter, um einen Eimer Wasser reinzukippen.

Aber sie hatten auch einen Nachttopf. Der stand jeweils im Hausflur, denn der wurde sozusagen mit bewohnt. Oft bekam ich mit, wenn sie ihn benutzten. Am Abend, oder bei besonders schlechtem Wetter.

Ich glaube, sie waren ganz schön neidisch, dass wir ein eigenes Wasserklosett hatten. Früher hieß das jedenfalls so, da sagte man nicht “Toilette” sondern “Klo” oder etwas gewählter “WC”. Aber meine Mutter wäre wohl niemals dort eingezogen, hätte sie mit den Nachbarn ein Plumsklo teilen müssen.

Nun ja, wir hatten auch noch unser eigenes Waschbecken in der Küche. Wogegen die Nachbarn nur eines auf jeder Etage im Hausflur hatten. Dort mussten sie sich auch im Winter waschen, und ich nehme an, das war nicht angenehm.

Es war aber zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, so einfach zu leben. Die allermeisten Leute, die in der Heckstraße wohnten, hatten ähnliche Wohnsituationen und wir alle empfanden das damals als vollkommen normal.

Ich kannte als Kind viele Leute mit einem Plumsklo draußen im Hof. Eigentlich waren es nur sehr wenige Familien, von denen ich weiß, sie hatten ihre Toilette in der Wohnung.

Als wir dann 1961 in die Ludgerusstraße, in eine Neubauwohnung umzogen, dachte ich, dass man vollkommener gar nicht leben kann.

    Denn nun hatten wir sogar ein eigenes Bad.

Aber wir hatten immer noch kein fließendes warmes Wasser und keine Heizung. :-(

-

Ganz besonderen Dank an Gitte, die meine Liebe zu Werden teilt und mir das seltene Foto von der Heckstraße 33 überlassen hat. Ein Besuch auf ihrer Seite lohnt sich!

Winterfreuden

Eines der größten Vergnügen für uns Kinder war, wenn es tüchtig geschneit hatte, mit dem Schlitten los zu ziehen.

Für uns Heckstrassenkinder kam zum Rodeln natürlich nur der kleine Hang, der zum Kindermodengeschäft Huffmann führte in Frage. Er war ideal, vor Allem, weil ja dort keine Autos fuhren.

Wenn es nicht zu viele rodelnde Kinder waren, konnte es auch passieren, dass Frau Huffmann herauskam und uns mit ein paar Plätzchen überraschte.

Aber im Allgemeinen waren so viele Kinder dort, dass ich mich heute frage, wie sie das überhaupt ausgehalten hat. Vom Mittag bis in die Dämmerung hinein war der Weg zu ihrem Geschäft voller Kinder und wir waren bestimmt nicht leise.

Ich kann heute gar nicht mit Sicherheit sagen, wie lang der abschüssige Weg war. Was ich aber genau weiß: Runter war es toll und er erschien uns viel zu kurz, aber rauf war er mir oft endlos lang. Besonders, wenn die Füße vor Kälte schmerzten und auch die dicken Socken in den Stiefeln nicht mehr viel Wärme spendeten.

brehminsel-97 Meine erste Erinnerung ans Schlittenfahren geht ziemlich weit zurück. Da ist mein Onkel Fred, der der kleine Bruder meines Vaters war, mit mir losgezogen. Wir rodelten damals hinter dem evangelischen Krankenhaus,  auf dem Hang von Bauer Padberg. Da durfte ich aber nicht alleine hin, weil es zu weit von unserer Wohnung weg war.

Mein Onkel Fred muss unter 20 Jahre alt gewesen sein und bestimmt war ich für ihn so eine Art Alibi, weil ja so ein großer Junge normalerweise nicht mehr zum Rodeln ging.

In manchen Jahren war es so kalt, dass man auf dem zugefrorenen Heier Strang schlindern konnte. Einige Kinder besaßen sogar Schlittschuhe, eine Anschaffung, die damals vielleicht sogar lohnte, denn in meiner Erinnerung waren die Winter in den 50er Jahren regelmäßig sehr kalt. Da konnten sie oft zum Einsatz kommen.

Was auch noch zum Winter gehörte war natürlich ein Schneemann.
Den bauten wir auf dem Schulhof der Heckerschule, hinten auf die kleine Wiese. Er wurde riesengroß, wenn es der Schnee hergab. Es fand sich auch immer etwas, was als Hut herhalten konnte und die obligatorische Möhre wurde auch organisiert. Die Eierkohlen für die Augen und Knöpfe haben wir heimlich beim Kohlenhändler Plücktun geklaut. Der hatte seine Handlung ja gleich gegenüber der Schule ;-)

Komisch, als Kinder sagten wir immer…Kohlenklau zum Kohlenhändler, hatte aber wohl nichts mit “klauen” zu tun, denn ich bin sicher, die Erwachsenen sagten das auch…

Zurückblickend möchte ich sagen, wir Kinder hatten damals sehr viel Spaß im Winter.

Allen Besuchern einen guten Start ins Neue Jahr

Ich wünsche allen Werdenern, allen Nicht-Werdenern,
allen Mitlesern, die mich kennen und auch denen, die mich nicht kennen, für das kommende Jahrzehnt Glück, Erfolg und Zufriedenheit

Und mit den Worten von K.-H. Söhler

Wenn’s alte Jahr erfolgreich war,
dann freue dich auf’s neue
…und war es schlecht

ja dann erst recht!

Vorweihnachtliches Werden

Wenn ich heute die vielen weihnachtlich geschmückten Innenstädte betrachte, erinnere ich mich an die 50er Jahre zurück, als wir noch in der Heckstraße wohnten.

Dort erlebte ich die innerörtliche Weihnachtsbeleuchtung ja richtig hautnah.
Und sie war für heutige Verhältnisse etwas ganz Besonderes.

Man konnte sie mit allen Sinnen wahrnehmen. Es waren ja nicht nur einfach Lichterketten, die über die Straßen gespannt wurden. Nein, es waren richtige echte Tannengirlanden.
Sie verzauberten nicht allein durch den Lichterglanz, sondern erfüllten die Luft zusätzlich mit dem schönsten Weihnachtsduft.

Diese Girlanden schmückten die Brückstraße von der Ruhrbrücke bis zum katholischen Krankenhaus, die Heckstraße bis hinter die evangelische Kirche, die Wigstraße, die Grafenstraße und den unteren Klemensborn bis hinter die Folkwangschule.

Stimmungsvoller kann eine Weihnachtsbeleuchtung nicht sein, als sie in den 50er Jahren in Werden war.

Eine der Tannengirlanden war an der Ecke unseres Hauses befestigt und ich hatte sie sofort im Blick, wenn ich aus dem Küchenfenster auf die Straße blickte. Ebenso wie den großen Tannenbaum vor der evangelischen Kirche, der ebenfalls mit einer Lichterkette geschmückt war und weihnachtliche Stimmung verbreitete.

Natürlich wäre eine solche Weihnachtsbeleuchtung schon aus ökologischer Sicht heute nicht mehr denkbar. Und auch in Werden wurde irgendwann die Beleuchtung auf einfache Lichterketten umgestellt.

Aber es ist für mich eine besonders schöne Erinnerung. Den Stadtvätern sei Dank!

als das Christkind uns eine kleine Schwester brachte

Die Vorweihnachtszeit war natürlich in jedem Jahr eine Zeit voller Vorfreude, Wünsche und Hoffnung. Was wird der Nikolaus sagen? Was mag das Christkind wohl bringen? War man artig genug gewesen? Und natürlich bemühte ich mich, in den letzten Wochen vor Weihnachten auch, besonders gehorsam und lieb zu sein.

1957 war allerdings alles ganz anders, als in den Jahren davor.
In den letzten Wochen hatte ich oft Zucker für den Storch auf die Fensterbank gelegt und so, wie sich alle verhielten, konnte es gut sein, dass das Christkind uns in Stellvertretung ein Geschwisterchen bringen würde.

Eines Tages, Anfang Dezember, sollte ich zu Oma Reinicke, mein Bruder kam zu Oma Klein. Aus heutiger Sicht wäre es anders herum sinnvoller gewesen, weil die Oma Klein nur 3 Minuten von der Heckerschule entfernt in der Hufergase wohnte und von Oma Reinicke aus hatte ich einen mindestens halbstündigen Weg dorthin, aber vielleicht haben die Erwachsenen es auch so entschieden, weil ich viel lieber bei Oma Reinicke war.

Aber bei Oma Reinicke gingen die Uhren anders. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatte eine Kuckucksuhr in der Küche, die immer zu schnell lief und jeden Tag aufgezogen werden musste. Gelegentlich blieb sie auch stehen und wurde dann nach dem Gefühl neu eingestellt. Das Radio wurde selten bis nie angemacht, weil es Strom kostete. Und ihren Wecker stellte Oma in Abstimmung mit der Kuckucksuhr. ;-)

So kam es, dass ich jeden Morgen bei Schnee und Eis oft schon vor 6.00 zur Schule ging. Viel zu früh war ich dann dort und natürlich war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Die Schule fing ja auch erst um 8.00 an.

Auch wenn Oma dafür sorgte, dass ich jede Menge Zeugs anhatte, wurde es mir doch richtig kalt auf dem Schulhof und meine Finger taten mir zu Beginn der Schulstunde höllisch weh.

Was mir noch im Gedächnis ist, ist mein Cousin Dagobert. Der ging in die 8.Klasse und war meistens der Erste der nach mir auf den Schulhof kam. Vielleicht gingen bei denen die Uhren auch alle etwas vor :-)

Aber ich war jedesmal froh, nicht mehr alleine zu sein.

Wenn ich am Mittag wieder bei Oma ankam, wartete sie natürlich schon mit dem Essen und nach den Hausaufgaben machten wir es uns gemütlich.

Zum “Gemütlichmachen” gehörten auch die Stutenkerle, die mir unvergesslich bleiben.

Ich liebte Stutenkerle, besonders die Frischen. Jeder, der zu Besuch kam, wollte mir damals mit einem Stutenkerl eine Freude machen. Aber natürlich wurden sie gut eingeteilt. Oma legte sie für mich zurück.

Was ich dabei aber nie verstanden habe: Obwohl ich doch gerade einen frischgebackenen Stutenkerl bekam, durfte ich den nicht essen sondern sie sagte, “erst müssen die Alten weg” Die wurden am Nachmittag in warme Milch eingeweicht und ich saß mit langen Zähnen davor.

Aber trotzdem war es gemütlich bei Oma. :-)

Eines Tages sagte mir die Oma, dass das Christkind bereits da war. Es habe uns ein Baby gebracht und ich dürfe es mir mit ihr ansehen gehen.

brehminsel-99

Am Nachmittag machten wir uns also auf zum evangelischen Krankenhaus. Die Schwestern dort kannten mich noch, da meine Mutter ja alle Babys von dort holte.

Nach der Besuchszeit, die früher sehr streng eingehalten wurde, konnte man die Babys ansehen. Das heißt, man ging vor eine Tür mit einer Glasscheibe, stand dort zwischen vielen, wildfremden Leuten und unter “AH und OH” bestaunten alle die Babys, die hinter der Scheibe hochgehalten wurden.

Welches genau jetzt meine neue kleine Schwester sein sollte, wusste ich natürlich nachher immer noch nicht. Sehr große Unterschiede zwischen den Babys konnte ich nicht entdecken.

Einige Zeit später kam meine Mutter zurück nach Hause. Und als wir dann wieder alle zusammen waren, stand im Wohnzimmer der Stubenwagen, in dem meine kleine Schwester schlummerte. Ich war richtig stolz, dass wir vom Christkind ein Schwesterchen bekommen hatten.

Was das Allerbeste war: Trotzdem ist das Christkind am Heilig Abend nicht an unserem Haus vorbeigeflogen. Es gab einen wunderschönen Weihnachtsbaum und wie in jedem Jahr wurden auch unsere Wünsche erfüllt.
:-)

Sankt Martin

Mit dem Martinszug begann für mich als Kind in jedem Jahr die Vorweihnachtszeit.

Sicher habe ich ihn aber anders empfunden, als die meisten anderen Kinder. Das hatte damit zu tun, dass unser Vater ja ein sehr aktives Mitglied im Werdener Spielmannszug war.
St. Martin begann mit einer großen Putzaktion des jeweilig aktuellen Instrumentes. Manchmal spielte Papa die Lyra, was eine Menge Arbeit bedeutete, mal waren es die Becken, die blitzen und blinken mussten.

Wir Kinder hatten im Kindergarten extra für diesen Tag mit Hilfe von Schwester Marie Laternen gebastelt. Aus schwarzem Karton wurden Motive ausgeschnitten und mit buntem Transparentpapier hinterlegt. Auf dem Boden wurde dann eine Weihnachtsbaumkerze befestigt und zu Hause hatte meine Mutter einen Holzstock, an dem sie aufgehängt wurde.
Wenn es am Martinstag dunkel wurde, zogen wir mit Mama hinter den Werdener-Spielleuten und dem Stankt Martin auf seinem riesigen Pferd, durch die Werdener Straßen. Stolz trugen wir unsere Laternen und sangen mit den anderen Leuten die vertrauten Lieder, die von den Musikern gespielt wurden. “Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind….” “Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir….” und immer auch das Lied “Nikolaus komm in unser Haus….”

Weiter hintem im Martinszug zog ein weiterer Spielmannszug mit. Die Ruhrperle. Die beiden Spielmannszüge spielten immer im Wechsel, so, dass man ohne Pause von einem zum nächsten Lied kam.

Der Martinszug endete auf dem Hof des Werdener Gymnasiums und dort wurden dann auch die Martinsgänse verlost, die in einem hölzernen Käfig im Zug mit gezogen wurden, nichtsahnend, dass sie bald als Martinsgans auf den Tellern der glücklichen Gewinner landen würden.

Auf dem Schulhof wurde auch das Martinslied noch einmal gesungen und danach gingen wir voller Erwartung mit unserer Mutter nach Hause.
Ob der Martin wohl bei uns war? Ja, er war da, denn auf unseren Stühlen saß für jedes Kind ein großer Stutenkerl. Mit einer Tonpfeife!

Dieser erste Stutenkerl des Jahres gehörte zum Sankt Martin einfach dazu. Und er schmeckte himmlisch…naja, er kam ja gewissermaßen auch aus dem Himmel, denn Martin hatte ihn ja gebracht. Als Vorbote vom Nikolaus, der ja einige Wochen später auch wieder einen Stutenkerl brachte.

Und am Allerbesten war, dass man anfing sich auf das Christkind zu freuen. Auch wenn die Zeit bis dahin immer noch endlos lang erschien.
:-)

Ein “Tag der deutschen Einheit” in meiner Schulzeit

Bis vor fast 20 Jahren war der 17. Juni der Tag der deutschen Einheit.

Anders als heute wurde er von mir früher  als ein bedrückender Feiertag empfunden.

Ich erinnere mich noch, dass ich am Morgen als Einzige in unserer Familie  früh raus musste. Ich besuchte die Realschule in Velbert und alle Schüler mussten um 9.30 zu einer Feierstunde antreten. Das war eine Pflichtveranstaltung, der man sich nicht entziehen konnte.

Schwarz weisse Kleidung war vorgeschrieben und ich weiß, in einem Jahr trug ich einen weiten schwarzen Rock von meiner Mutter und eine weiße kurze Bluse.

Man trug ja Sonntags sowieso “Sonntagskleidung” und daher empfand ich mich auch nicht “overdressed”  Bis auf die Tatsache, dass mir die Sachen nicht so richtig passten.

Alle Schüler versammelten sich in der Aula. Der Schulleiter hielt eine schrecklich lange und langweilige Ansprache, es wurde das Deutschlandlied gesungen und einige Schüler hatten vorbereitete Beiträge vorzutragen. Nach einer Stunde durften wir dann wieder nach Hause.

Da dann alle Schüler zur gleichen Zeit entlassen wurden war es ein wenig problematisch, in den Bus zu kommen, denn anders als heute gab es keine speziellen Schulbusse, sondern wir mussten die normalen Linienbusse nutzen. Und wenn man nicht mehr reinkam, musste man eine halbe Stunde warten, ehe der Nächste kam.

An das Jahr, als ich den schwarzen Rock meiner Mutter trug, kann ich mich noch so gut erinnern, weil wir nicht in den Bus kamen und daher beschlossen, nach Hause zu laufen. Es war heiß und ich habe ganz schön schwitzen müssen.

Von der Schule nach Hause war eine ziemlich weite Strecke, ca 7km. Aber wir schafften es, trotz gelegentlichen Bummeln rechtzeitig zum Mittagessen wieder zurück  zu sein.

Ohne diese Feierstunde in der Schule hätte ich mich als Kind sicher viel mehr über den Feiertag gefreut.

Aber vielleicht wäre ich mir nicht darüber im Klaren gewesen, welche Bedeutung der  “Tag der deutschen Einheit”  für unser Land hatte.
:-)

Die Pilzfrau

In den letzten Tagen hat es mich wieder gepackt, das Pilzfieber.

Eigentlich vergeht kein September/Oktober, ohne dass ich nicht wenigstens einmal auf die Suche nach dieser schmackhaften Bereicherung unseres Speisezettels suche.

Mangels Kenntnis habe ich mich erst als ich schon älter war auf  die aktive Suche gemacht. Und natürlich habe ich nur die Pilze gesucht, von denen ich durch Kenner wusste, sie sind genießbar. Mittlerweile komme ich auf ca 10 Sorten, von denen ich sicher bin, dass sie gut schmecken. Und auf etliche, die ich benennen kann, aber die ungenießbar oder giftig sind.

Vielleicht ist es die Pilzfrau gewesen, die diese Leidenschaft in mir geweckt hat.

Sie kam gelegentlich im Herbst zu uns, mit einem Spankorb voller selbstgesuchter Pilze, die sie meiner Mutter verkaufte.

Sie war schon sehr alt  und hutzelig, ein wenig furchteinflößend für mich als Kind. Außerdem sprach  sie  auch anders als die meisten Leute. Kein Wunder, sie kam wohl aus dem Osten.

Sie hatte etwas Geheimnisvolles an sich und irgendwie war sie mir nicht geheuer. Wenn sie das Wort an mich richtete, hatte ich immer Angst und versuchte mich zu verstecken.

Aber wenn meine Mutter ihr einen Korb Pilze abkaufen konnte, war es ein Fest. Gebratene Pilze mit Salzkartoffeln und grünen Salat war eines meiner liebsten Essen. Aber das gab es eben nur einmal im Jahr, wenn man Glück hatte.

Dem habe ich manchmal etwas nachgeholfen, denn an unseren Geburtstagen durften wir uns immer ein Mittagessen wünschen. Und wenn man Anfang Oktober Geburtstag hat und so gerne Pilze mag, kann man sich ja nichts Anderes wünschen als dass die Pilzfrau vorbei kommt.

Natürlich spielte da auch eine Rolle, ob es ein gutes oder ein weniger gutes Pilzjahr war. Und ausserdem kostete ein Körbchen auch für unsere Verhältnisse ziemlich viel Geld.

Woher die Pilzfrau kam ist mir bis heute nicht klar. Ich habe nie in Erfahrung gebracht, wie sie heißt und wo sie wohnt. Sie war einfach nur die Pilzfrau und stand im Herbst vor der Tür.
:-)