Mama erzähl mal

Erinnerungen an meine Kindheit in Essen-Werden

Der jüdische Friedhof auf dem Pastoratsberg

Jüdischer Friedhof Werden im Apirl2008
Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört auch der jüdische Friedhof auf dem Weg zur “Alten Burg”.

Ich bin überzeugt, er war es, der im besonderen Maße mein Interesse am Leben der Juden in Deutschland geweckt hat.

Dieses Bild, welches mir von dem Heimatfotographen Wolfgang Pomierski freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurde, hat mich gedanklich wieder einmal auf einen Spaziergang geschickt.

Als ich noch kleiner war, fand oben auf dem Pastoratsberg, an der alten Burg in dem gleichnahmigen Lokal das Sommer- und Kinderfest der Werdener Spielleute statt. Unser Vater war ein sehr aktiver Spielmann und natürlich gingen wir Alle zu diesem Fest. Daher war mir als Kind der Pastoratsberg vertraut.

Später, als ich dann mit meinen Geschwistern die Gegend in und um Werden erkundete, sind wir natürlich auch in Richtung alte Burg gewandert. Schon allein wegen der Ruine dort oben.

Es gab verschiedene Wege, aber der Schönste war, den Klemensborn hoch, dann an der Kreuzung Kellerstraße-Ringstraße rechts den steilen Ringstraßenberg hoch, links die ummauerte Rundtreppe rauf und dann am “Ruhrblick” kurz Halt gemacht. Das war eine Terrasse mit einigen Tischen und Stühlen und einer Art Kiosk, an dem man Getränke und Süssigkeiten kaufen konnte.
Von der Terasse aus hatte man einen weiten Blick über das Ruhrtal, auf den Plattenwald und auf Werden. Ging man hinter dem “Ruhrblick” nach links, kam man zur Jugendherberge und wenn man sich rechts hielt, ging es in Richtung “Alte Burg”

Natürlich blieben wir nicht immer auf dem Weg, sondern erkundeten auch das, was rechts und links am Wege lag.
Besonders Interesse weckte da natürlich auch ein halb umgestürzter Zaun der nur noch teilweise erhalten war. Irgendwann haben wir uns durch das Unterholz dorthin getraut und entdeckt, dass dort lauter Grabsteine standen. Mitten im Wald!
Wir vermuteten, dass es sich hier um einen sehr, sehr alten vergessenen Friedhof handelt. Er musste sehr alt sein, hunderte von Jahren, denn die Schrift auf den Grabsteinen, soweit man sie erkennen konnte, war aus einer anderen Zeit. Wie hätten wir wissen sollen, dass es sich um hebräische Schriftzeichen handelt und dies ein jüdischer Friedhof ist?
Wir fühlten uns wie Pioniere, die eine wichtige Entdeckung gemacht hatten.
So gut wie auf diesem Bild aus dem Jahr 2008 konnte man vor ca 50 Jahren die einzelnen Grabstellen nicht erkennen.
Das Gelände war von Efeu und Brombeergestrüpp überwuchert und viele kleine Bäumchen und Gebüsche hatten sich dort ausgesät.
Die meisten Grabsteine waren umgestürzt, andere so verwittert oder vermoost, dass die Inschriften kaum erkennbar waren. Geheimnisvoll und ein wenig gruselig war es dort.

Ich kann leider nicht mehr sagen, wann und wie ich erfahren habe, dass dieser Friedhof gar nicht soo schrecklich alt ist und dort die Gräber jüdischer Bürger lagen, die ihren eigenen Friedhof hatten.

Aber wie das so ist mit den Dingen, um die ein Geheimnis gemacht wird. Man wird neugierig und macht sich selbst auf die Suche nach Wahrheiten.

Allerdings war es wohl typisch für diese Zeit, dass man auf Fragen, die in diese Richtung zielten keine, oder ausweichende Antworten erhielt.
Selbst unsere Geschichtslehrerin erzählte uns zwar unter Tränen von den Carepaketen der Amerikaner, aber nie etwas über Deportationen und Konzentrationslager.

Vom Volk der Juden hörte man allenfalls im Kindergottesdienst. Und da auch nur das, was in der Bibel geschrieben steht.

Vielleicht waren viele Erwachsene durch die Kriegsjahre und das Geschehen in der Hitlerzeit so traumatisiert, dass sie diese Greuel vor uns Kindern tabuisierten. Sie waren einfach noch zu nah dran.

“Unser” geheimnisvolles Grab

Vielleicht erinnern sich meine Geschwister noch an diese Zeit, oder wenn sie es lesen kommen die Erinnerungen zurück. ;-)

Wir wohnten schon in der Ludgerusstraße und besuchten auf unseren zahllosen Spaziergängen gelegentlich auch den Friedhof an der Kirchhofsallee. Der war nicht so groß wie der Bergfriedhof, hatte aber eine hübsche Friedhofskapelle und viele sehr schöne und gepflegte Gräber.

Aber natürlich gab es auch Andere. Vernachlässigte, ungepflegte, manche kaum noch erkennbar und meistens ohne einen Stein.

Wir waren immer voller Tatendrang und bei einem dieser Besuche kamen wir auf die Idee, dass wir ein gutes Werk vollbringen könnten, indem wir eines dieser Gräber in “Pflege” nehmen. Wir fanden schnell Eines, von dem wir dachten, es gibt niemanden mehr, der sich darum kümmert. Ein Einzelgrab, links von der Kapelle den Weg rein. Ich sehe es heute noch vor meinem inneren Auge.

Zunächst machten wir uns daran, das Grab von Unkraut und Gestrüpp zu säubern. Das war mächtig viel Arbeit und wir wurden am ersten Tag natürlich gar nicht fertig.  Vor Allem, wir hatten ja keine Geräte dabei. Aber nach einigen Besuchen hatten wir es unkrautfrei und es sah schon ein wenig besser aus. Es fehlten nur die Blumen.

Nun wir hatten zwar den Wunsch, etwas Gutes zu tun, aber natürlich durfte es kein Geld kosten, denn das hatten wir nicht. Also haben wir die Abfallbehälter auf dem Friedhof abgesucht. Man glaubt nicht, was für gute Pflanzen schon damals in den Müll geworfen wurden und wir hatten schnell eine recht passable Bepflanzung für unser Grab zusammen. Sogar brauchbare Blumensträuße fanden wir, oder zumindest waren darin immer noch ein oder zwei gute Blumen, die wir heraus suchten und zu einem Strauß zusammenstellten. Eine altes Glas dafür fanden wir auch irgendwo.

Nachdem “unser Grab” dann endlich wieder ansehlich war, gingen wir regelmäßig dorthin um es zu gießen und die Blumen zu wechseln. Und immer wieder fanden wir auch Material um unser Grab noch schöner zu gestalten. Wir wussten nicht, wer dort liegt. Aber in unserer Phantasie malten wir uns aus, dass es vielleicht ein Mädchen ist, das keine Eltern mehr hat oder ein Mensch, der niemanden zurück gelassen hat, der ihn so geliebt hat, dass man sich auch um das Grab kümmert.

Wir nahmen die selbstgewählte Verpflichtung sehr ernst und wenn ich mich zurück erinnere, hatten wir fast so etwas wie eine Beziehung zu dieser unbekannten Person, die dort lag. Einsam und von den Angehörigen scheinbar vergessen.

Aber das endete jäh und unvermutet.

Wir hatten vor Allerheiligen das Grab, so wie es üblich war, mit Tannenzweigen bedeckt und winterfertig gemacht. An Allerheiligen selbst gingen wir mit einem kleinen Teelicht in einem Kunststoffbecher, dass wir irgendwie organisiert hatten, zum Friedhof, um es auf unser Grab zu stellen.

Aber schon beim Näherkommen sahen wir, dass irgend etwas anders war als sonst.

Jemand hatte unser ganzes Grab umgestaltet. Unsere Tannenzweige waren fort, die Pflanzen gab es nicht mehr und auf dem Grab standen kleine Lämpchen, als gehöre es zu den vielen anderen Gräbern, die regelmäßig von Angehörigen besucht wurden.

Eigentlich hätte uns das freuen sollen, aber wir waren richtig enttäuscht und traurig. Es war, als habe man uns betrogen.

Wir haben das Licht auf ein anderes Grab gestellt, auf dem bisher noch keins stand und sind danach, soweit ich mich erinnere, nie wieder dorthin gegangen.

Meine Mutter konnte unseren Kummer nicht verstehen und schimpfte uns aus, dass wir lieber die Gräber unserer eigenen Angehörigen pflegen sollten, anstatt fremde Gräber.

Sie hat nicht verstanden, dass es uns doch darum ging, ein “eigenes Grab” zu haben, bei dessen Pflege uns niemand reinredete.

Natürlich besuchten wir doch auch die Familiengräber, aber das war für uns etwas völlig Anderes.

Mh….ich schreibe immer von “uns” . Vielleicht sollte ich eher von mir schreiben? Aber das fällt mir schwer, obwohl ich doch gar nicht mit letzter Sicherheit sagen kann, ob meinen Geschwistern diese tollen Ideen wirklich gefallen haben, ob sie auch so empfunden haben wie ich, oder ob sie es mitmachten, weil ich die Älteste war.  :-(

 

 

Allerheiligen

Als Kind hatte dieser Tag eine ganz besondere Faszination für mich.  Und ich habe mich immer schon Tage vorher darauf gefreut.

Am späten Nachmittag ging meine Oma,  solange sie noch nicht im Altersheim war, jedes Jahr zu Allerheiligen mit mir auf den Bergfriedhof.

Zuerst nahmen wir an der Andacht teil, die dort vor dem großen Kreuz am Hauptweg abgehalten wurde. Meist ging das für meine Begriffe ziemlich lange und dazu war es oft auch lausekalt.

Nach der Andacht besuchten wir die Gräber meines Opas und meiner kleinen Schwester Petra. Meine Oma hatte dann immer einige kleine Lichter, die in farbigen Kunststoffbechern aufgestellt wurden, dabei.  Sie ordnete sie  auf den Gräbern an und entzündete die Kerzen.

Inzwischen war es dann  dunkel geworden.  Ich gruselte mich immer ein wenig, aber meine Oma war ja bei mir und hielt mich fest an der Hand. Sie kannte sich auf dem Friedhof, der sehr groß und unübersichtlich erschien, gut aus. Und das Schönste war, dass auf allen Gräbern die Lämpchen brannten.

Der Geruch der Kerzen vermischte sich mit dem von Tannengrün,  Herbst und Vergänglichkeit.

Wir besuchten nicht nur die Gräber von Opa und Petra, sondern auch einige andere, von Menschen, die ich nicht kannte, die aber  meiner Oma wichtig waren. An manchen Gräbern verweilten wir zu einem kurzen Gebet.

An keinem anderen Tag im Jahr habe ich so viele Leute auf dem Friedhof erlebt. Es war eine Stimmung, die man nicht beschreiben kann und wie ich sie auch später nie wieder an diesem Tag auf einem Friedhof  empfunden habe.

Aber das liegt wohl daran, dass in den späteren Jahren meine Oma fehlte.